90er Rheinring 1
Epochen

Wenn Mauern für immer fallen, sind die Möglichkeiten grenzenlos: Barrierefreiheit, Inklusion und neue Wohnkonzepte rücken in den Fokus. Die Nibelungen-Wohnbau-GmbH entwickelt innovative Projekte, die auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen – von jungen Familien über Senioren bis zu Menschen mit Beeinträchtigungen. Damit formt das Unternehmen inklusiven Wohnraum für das neue Jahrtausend.

Die Mauer ist weg:
zwischen Pflicht und Kür beim Bauen und Umbauen

1989/90 – die Montagsdemonstra­tionen, die Friedliche Revolution, Günter Schabowskis Pressekon­ferenz mit der Verkündung der Reisefreiheit, der Mauerfall und die deutsche Wiedervereinigung: Für die Menschen in Ost und West war dies ein Jahrhundertereignis, das sie wie im Rausch feierten. Die Ostdeutschen hatten Geschichte geschrieben. Hunderttausende waren auf die Straße gegangen und hatten in Leipzig, Berlin und andernorts gegen die DDR-Diktatur und für die Freiheit demonstriert – und es war nicht ein Schuss gefallen. Im Sommer 1990 hatte die westdeutsche DFB-Auswahl bei der Weltmeisterschaft den Pokal in den Himmel von Rom gereckt. Dies alles in nur einem Jahr … 1989 fiel der Eiserne Vorhang und es kam zu einschneidenden gesellschaftlichen Veränderungen, die bis in die westdeutschen Kommunen reichten. Viele Angehörige deutscher Minderheiten packten nach den Umstürzen in Osteuropa die Koffer und wanderten aus. Die Tür hierfür war weit aufgestoßen. Schon ab 1986 waren im Sog von Michail Gorbatschows eingeleiteter Peres­troika und der von der deutschen Bundesregierung Helmut Kohls unterstützten Aktion viele deutschstämmige Spätaussiedler vorwiegend aus der Sowjetunion nach Deutschland gekommen, vor allem die sogenannten „Wolgadeutschen“. Anfang der 1990er-Jahre standen die Wohnungsunternehmen vor einer neuen Herausforderung: ­Die starke Zuwanderung aus Ostdeutschland sowie die Aufnahme deutscher Aussiedler aus Rumänien, vor allem Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, ließen den Bedarf an Wohnraum sprunghaft ansteigen. Viele Neuankömmlinge kamen über das Durchgangslager Friedland nach Braunschweig.

Wieder einmal übernahm die Nibelungen-Wohnbau-GmbH Verantwortung und kümmerte sich. Unter anderem baute die Nibelungen 1991 speziell für Aussiedlerfamilien in der 1955 bebauten Hebbelstraße kleine Wohnungen zu großen um. 1993 errichtete sie für Übersiedler in der Christoph-Ding-Straße in ­Veltenhof neue Übergangswohnungen. Doch eine zuvor befürchtete Wohnungskrise war ausgeblieben, denn die meisten der Zuwanderer aus dem Osten fanden nach Übergangseinquartierungen in den seit 1926 gebauten rund 10.000 Nibelungen-Wohnungen ein neues Zuhause – und wurden in Braunschweig schnell heimisch.

Vielmehr bestand die Gefahr, dass nationale Gesetzesänderungen die Nibelungen in eine wirtschaftliche Schieflage brachten: Denn mit der Aufhebung des Wohnungsgemein­nützigkeitsge­setzes sah sich auch das städtische Unternehmen ab 1991 der vollen Steuerpflicht ausgesetzt. Doch auf das partnerschaftliche Verhältnis von Stadtvätern und kommunalem Wohnbauunternehmen war wieder einmal Verlass. Im Dezember 1992 stimmte der Rat der Stadt Braunschweig einer Erhöhung des Stammkapitals von 10 Millionen auf 15 Millionen Deutsche Mark zu. Die Folge: Die Nibelungen behauptete sich im freien Wettbewerb mit aufwändigen Sanierungs- und ambitionierten Neubauprojekten. Sie kündigte an, bis 1995 jährlich sechs bis sieben Millionen Mark für Modernisierungen im Bestand auszugeben und rund 320 neue Wohnungen zu bauen.

Das 20. Jahrhundert steuerte in Meilenschritten auf sein Ende zu – neue, vielschichtige, aber auch fordernde Aufgaben warteten unmittelbar vor dem Millennium auf die Nibelungen.

90er Hinter der Masch

Zeit für Neues:
von der Sanierung der früheren
Essigfabrik bis „Wohnen am Westpark“

Die sanierte ehemalige Essigfabrik. Hinter der Masch 26 in den 1990er-Jahren

Auf die Pflicht folgte immer häufiger auch die Kür: Ab den frühen 1990er-Jahren kamen neue Bauprojekte auf die Nibelungen zu, die wieder einmal ein hohes Maß an Kreativität und Gestaltungswillen erforderten. Große Aufmerksamkeit erregte die Nibelungen mit der Sanierung der ehemaligen Essig­fabrik Hinter der Masch 26. Das leerstehende Fabrikgebäude und eindrucksvolle Zeugnis Braunschweiger Industriegeschichte war dem Verfall nah, als die Nibelungen die große Werkshalle erwarb. Sie versah die Halle nach der Entkernung mit einem Atrium und einer Glaskuppel auf dem Dach, die viel Licht in das Innere ließ. Moderne Wohnungen mit den auffälligen blau-weißen Balkonen machten die frühere Fabrik ab 1992 zu einem der beliebtesten Mietobjekte des sozialen Wohnungsbaus in Braunschweig.

Vom Keller bis zum Dach: Zu den Herzensangelegenheiten der Nibelungen gehört bis heute die komplette Sanierung des Fachwerkhauses Herrendorftwete 1 hinter der Magnikirche im Jahr 1992. Dieses Haus war bereits vor 1490 erbaut worden. Zusammen mit dem ebenfalls im Magniviertel gelegenen Gebäude Ackerhof 2 zählt es zu den ältesten Häusern der Stadt und ist ohne Zweifel eines der schönsten Baudenkmäler in Braunschweig. Die Kompetenz bei Sanierungen und ein gutes architektonisches Händchen bewies die Nibelungen im selben Jahr einmal mehr auch bei der Leopoldstraße 17 und Mittelriede 15 und 17. Die Nibelungen stellte in den Folgejahren aber auch immer wieder ihren Sachverstand bei Neubauprojekten unter Beweis. Mit der Eckbebauung Frankfurter Straße 20 / Bergfeldstraße 1 schloss sie 1992 im Westlichen Ringgebiet eine der letzten kriegsbedingten Lücken. Der Komplex mit 38 Mietwohnungen und einem Supermarkt schloss sich nahtlos den 1979 eingeweihten und prämierten Wohnkomplex mit Altenwohnungen, behindertengerechten Wohnungen und Wohnraum für kinderreiche Familien an und trug maßgeblich zur Modernisierung des ehemaligen Braunschweiger Industrieviertels bei – lange vor dem offiziellen Förderprogramm „Sanierung Viertel Westliches Ringgebiet“ in den 2000ern.

Doch die steigenden Mieten und die ab Mitte der 90er-Jahre sinkenden Zinsen bei Baukrediten läuteten auch bei der Nibelungen eine neue Epoche ein. Der Ruf nach Eigentum wurde vor allem bei Familien lauter. Warum nicht ein Eigenheim oder eine Eigentumswohnung erwerben, wenn die Rate bei der Bank plötzlich nicht viel höher war als die Miete, fragten sich immer mehr junge Menschen.

1994 errichtete die Nibelungen im Bereich Rheinring / Niddastraße im Rahmen des Projektes „Wohnen am Westpark“ in einem Oval 42 zwei­- geschossige Einfamilienreihenhäuser und 54 Eigentumswohnungen. Autos hatten im familienfreundlichen Viertel keinen Platz mehr. Noch im selben Jahr gewann das Nibelungen-Projekt den Peter-Joseph-­Krahe-Preis der Stadt Braunschweig und 1996 folgte eine Nominierung für den niedersächsischen Staatspreis für Architektur.

Die Außenfassaden der zweigeschossigen Reihenhäuser waren extravagant gestaltet und wiesen Parallelen zum Bauhausstil auf. Jedes Geschoss verfügte entweder über einen Balkon oder eine Terrasse und viel Grün umgab die Häuser. Der große Unterschied: In den 1920ern galt eine Wohnung als Unterkunft, doch je näher das Jahr 2000 rückte, desto mehr stiegen die Ansprüche an Immobilien und an die Qualität des Wohnens. Die Wohnung wurde immer mehr zum Zentrum familiärer Erholung. Offene Wohnformen bestimmten jetzt das Innere. Durch die günstige Ausrichtung der Eigentumshäuser nach Süden gelangte über die großen Fensterflächen viel Licht in die Räume. Vor der Reihenhaussiedlung errichtete die Nibelungen drei würfel­ähnliche, sechsgeschossige Wohnhäuser – sogenannte Solitärgebäude – mit über 50 Eigentumswohnungen. Über den Dächern der Weststadt: Die großen Dachwohnungen mit den hohen Decken im Wohnzimmerbereich und wahl­weise Innenkaminen besaßen große Terrassen. Diese laden auch heute noch dazu ein, viel Zeit unter freiem Himmel zu verbringen.

90er Peene Emsstr

Dasein für Seniorinnen, Senioren
und Menschen mit Beeinträchtigungen

Ab Mitte der 1990er-Jahre, als man bei der bekannten Soziallotterie des ZDF noch von der „Aktion Sorgenkind“ statt von der „Aktion Mensch“ sprach, rückte bei der Nibelungen das integrative Wohnen immer mehr in den Vordergrund. Denn auch beim Wohnbauunternehmen spiegelte sich der Perspektivwechsel im gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit Beeinträchti­gungen wider. In der Frankfurter Straße 15 bis 19 hatte es die Nibelungen 1979 vorgelebt, jetzt wurden inklusive Wohnkonzepte und -projekte bei jedem größeren Bauprojekt miteinbezogen. Beispiele: Beim 21-Millionen- Neubauprojekt in der Wohnanlage Emsstraße / Peenestraße, bei dem von 1992 bis 1995 in verkehrsberuhigter Lage weitere 243 Mietwohnungen ent­standen, baute die Nibelungen alle elf Wohnungen im Erdgeschoss für Rollstuhlfahrerinnen und Roll­stuhlfahrer barrierefrei aus. 

21 Millionen Deutsche Mark Investitionsvolumen für das Neubauprojekt Emsstraße / Peenestraße mit barrierefreien Wohnungen

Im April 1997 stellte die Nibelungen in der Gerastraße 1 ­ ein Wohngebäude fertig, dessen Wohnungen nur Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern sowie älteren Menschen vorbehalten waren. Der demografische Wandel in Deutschland zeigte spürbare Auswirkungen bis in die Kommune. Die Nibelungen schnitt immer mehr innovative und individuelle Wohnprojekte auf Seniorinnen und Senioren zu, um das Leben im Alter zu erleichtern und zu verschönern. Unter anderem bewies sie als erstes Wohnbauunternehmen in Braunschweig, dass Wohngemeinschaften nicht nur perfekte Wohnformen für Studentinnen und Studenten sind. In der Emsstraße 1d machte sie aus drei Wohnungen eine Seniorenwohngemeinschaft für ältere Frauen und gewann für die Betreuung ambet e. V. (ambulante Betreuung hilfs- und pflegebedürftiger Menschen) als erfahrenen Kooperationspartner.

Die Nibelungen wurde zum Vor­reiter und rief zur Förderung der Eigenständigkeit älterer Menschen das Projekt „Betreutes Seniorenwohnen“ ins Leben. Je nach der Hilfsbedürftigkeit der älteren Menschen sollten die Wohnprojekte unterschiedlich gestaltet werden. So errichtete die Nibelungen 1995 insgesamt 13 Seniorenwohnungen an der Sulzbacher Straße in Lehndorf mit dem Zweck, älteren Menschen weiterhin ein eigenständiges Leben zu ermöglichen und untereinander soziale Kontakte zu fördern. Wieder hieß der Projektpartner ambet. Ein besonderes Wohnangebot stellte die Gruppenwohnung im Dachgeschoss dar. Fünf Seniorinnen und Senioren lebten dort selbstständig in ihren eigenen Wohn- und Schlaf­bereichen, konnten sich aber auf Wunsch im Gemeinschaftsraum treffen oder aber gemeinsam kochen.

Mit dem einzigartigen Modellprojekt „Integriertes Wohnen“ sorgte die Nibelungen Ende der 90er-Jahre deutschlandweit für Aufsehen. Mit Mitteln des Landes Niedersachsen und der Stadt Braunschweig hatte sich das Unternehmen zusammen mit dem Braunschweiger Architektenbüro „Casa Blanca“ 1995 auf eines der kompliziertesten Sanierungs- und Neubauprojekte eingelassen. Drei einzelne Gebäudeteile an zwei verschiedenen Straßenzügen, die Errichtung einer Tiefgarage bei einem hohen Grundwasserstand und die Einhaltung des Denkmalschutzes stellten das erfahrene Wohnbauunternehmen beim 14-Millionen-Deutsche-Mark-­Projekt Hinter Liebfrauen 3 / Leopoldstraße 5 und 5a auf die Probe. 1999 zogen alte und junge Menschen, Verheiratete und Ledige, Familien und Alleinerziehende sowie Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen in die ­1- bis 4-Zimmerwohnungen ein. Fast die Hälfte der 45 bis 95 Quadrat­meter großen Wohneinheiten wurde behindertenfreundlich gestaltet, vier als Gruppenwohnungen genutzt und vom Deutschen Roten Kreuz betreut. Fast alle Wohnungen waren barrierefrei zu erreichen. Ein Gemeinschaftsraum lud zu Freizeitaktivitäten für Jung und Alt ein. Ende April 2000 kam es im Gebäudekomplex zur ersten Sitzung der Mietervereinigung, einem gemeinnützigen Verein, dem auch die Nibelungen beitrat.
Ihr soziales Engagement zeigte die Nibelungen 1999 auch für Frauen und Kinder in Not: Im Westen der Stadt baute sie das Frauenhaus Braunschweig.

90er Sulzbacher Str
Für ein eigenständiges Leben: Sulzbacher Straße mit 13 Seniorenwohnungen

„Drin“ – Nibelungen-Wohnungen
findet man jetzt auch im Internet

Das nächste Jahrtausend stand vor der Tür, und die Nibelungen ging mit der Zeit. Im April 1998 wurden in der Verwaltung an der Freya­stra­ße 10 und im Stadtbüro am Schild 4 die bisherigen drei Abteilungen zu vier Teams zusammengeführt. Gleichzeitig nahmen die Themen Dienstleistung und Service einen immer größeren Stellenwert ein. Mit einem surrenden 56k-Modem wählten sich auch die Braunschweigerinnen und Braunschweiger Ende 1999 in das Internet ein und der Seitenaufbau war im Vergleich zu heute noch langsam. Doch man klickte sich jetzt erst­malig auf einer Nibelungen-Website mit der Maus durch die Wohnungsannoncen. Die Chronik zum ­75. Jubiläumsjahr des Wohnbau­unternehmens erwähnte, dass die Nibelungen in der Ära spritschluckender Autos zwei „ökologische Fahrzeuge“ mit Erdgasantrieb anschaffte. Doch der Werbespruch der Nibelungen im Jahr 2000 „… da kann ich leben!“ scheint im Rückblick auf die heute 100-jährige Unternehmensgeschichte ein ­wenig zu bescheiden …