Trümmer und Hunger sind allgegenwärtig – doch zugleich auch Hoffnung auf einen Neuanfang. Stadtverwaltungen werden neu organisiert, Geflüchtete und Vertriebene suchen dringend Wohnraum. Politische Strukturen stabilisieren sich, das Grundgesetz wird vorbereitet und die Nürnberger Prozesse prägen das Bewusstsein für Recht und Verantwortung. In Braunschweig beginnt die Nibelungen-Wohnbau-GmbH neue Siedlungen zu planen, die zerstörte Stadt wieder aufzubauen und erste soziale Wohnprojekte umzusetzen – ein echter Neubeginn für die Stadt und das Unternehmen.
Ein Neubeginn aus Schutt und Asche: Die Nachkriegsjahre der Nibelungen
Die Kriegsfolgen waren 1945 unübersehbar: meterhohe Schuttberge und Ruinen – wohin das Auge reichte. Rund 90 Prozent der Braunschweiger Innenstadt waren durch amerikanische und britische Luftangriffe zerstört worden. Die Kapitulationsurkunde zur kampflosen Übergabe der Stadt Braunschweig hatten Sieger und Besiegte am 12. April 1945 unterschrieben – so war die 9. US-Armee widerstandslos in die frühere Hansestadt eingerückt. Für die Braunschweigerinnen und Braunschweiger endete an diesem Tag der Zweite Weltkrieg. Endlich: Statt Schutz in einem Bunker oder in einem Luftschutzkeller zu suchen, konnten die Einwohnerinnen und Einwohner Braunschweigs wieder ruhig schlafen. Zur Schuttbeseitigung fuhr die Trümmerbahn durch die Ruinenlandschaften und prägte das Stadtbild der Nachkriegsjahre. Sie transportierte auf provisorischen Straßen, an denen bis vor kurzem jahrhundertealte Fachwerk- und prachtvolle Bürgerhäuser aus Stein gestanden hatten, die Gebäudereste und den Schutt ab, um Raum für Neues zu schaffen.
Auch viele Mieterinnen und Mieter der Nibelungen-Wohnbau-GmbH hatten in Folge des deutschen Vernichtungskrieges ihr Zuhause durch die massiven Bombenangriffe der Alliierten verloren. Oder aber sie lebten – vor allem nach dem „Feuersturm“ des 14./15. Oktobers 1944 – in teilzerstörten Wohntrakten. Knapp ein Fünftel der seit 1926 von der Nibelungen errichteten Wohnungen war vollständig zerstört. Fenster, Wände und Deckenteile fehlten auch bei den 152 teilweise beschädigten Wohnungen. In diesen verblieben die Nibelungen-Mieterinnen und -Mieter trotz der massiven Einschränkungen, damit in der Notsituation nicht andere Familien einzogen. 1.500 Wohneinheiten wiesen leichtere Schäden auf und ihre Bewohnerinnen und Bewohner blieben ebenfalls in den heimischen vier Wänden. Nur 1.147 Wohneinheiten der Nibelungen – also in etwa ein Drittel – überstanden die Bombenangriffe der Briten und US-Amerikaner unbeschadet.
Viele Mieterinnen und Mieter der Nibelungen lebten nach dem Kriegsende in teilzerstörten Wohntrakten, um ihr Zuhause nicht zu verlieren.
Bild: Das Siegfriedviertel nach Kriegsende
Walther Packmann, der nach dem Austausch des fast gesamten Personals am 15. November 1945 als neuer Geschäftsführer der Nibelungen eingesetzt wurde, addierte in dem Geschäftsbericht des selben Jahres die Kriegsschäden des Wohnbauunternehmens auf 6.731.248 Reichsmark, diese „überschreiten also die Höhe unseres Gesellschafterkapitals“ um ein Vielfaches. Auch die Mietverluste durch die nicht mehr bewohnbaren Wohneinheiten im selben Jahr in Höhe von 443.352 RM stellten das kommunale Wohnbauunternehmen vor Probleme.
Diebstahl, Plünderungen
und die harten Nachkriegsjahre
Der Wiederaufbau stockte: Ein angespanntes Verhältnis zur britischen Militärverwaltung, zu geringe Materialzuweisungen durch die Siegermacht und in Summe zu wenig Eigenkapital sorgten dafür, dass die Bautätigkeiten und Instandsetzungsmaßnahmen der Nibelungen bis in den Herbst 1945 ruhten. Der Verfall vieler Nibelungen-Immobilien drohte wegen des Eindringens von Wasser durch die beschädigten Dächer. Holz und Dachziegel waren nur schwer zu bekommen. Hinzu kam: Gewaltsam hatten sich Plünderer und Altmetalldiebe Zutritt zu vielen unbewohnten Wohneinheiten verschafft, deren Bewohnerinnen und Bewohner evakuiert oder vor allem 1944 bei Bombenangriffen ums Leben gekommen waren. Die Not war offenbar so groß gewesen, dass sie nicht einmal die drohende Todesstrafe davon hatte abhalten können.
Komplette Wohnungsausstattungen – vor allem Küchen – waren in Abwesenheit in den Wohnungen demontiert und einfach mitgenommen worden.
Die Diebe machten auch vor dem Betriebseigentum der Nibelungen nicht halt. Im Geschäftsbericht 1945 ist festgehalten, dass vom Betriebshof sanitäres Material des Unternehmens für 60 Wohnungen gestohlen worden war, genauso wie viele firmeneigene Werkzeuge und dort gelagertes Baumaterial. In den Nachkriegswirren verschwanden auch die beiden betriebseigenen Kraftwagen spurlos. In den Flammen von Braunschweigs Bombennacht Mitte Oktober 1944 waren fast alle hochwertigen Fußböden der Nibelungen, die sie bei Braunschweiger Handwerksbetrieben zwischengelagert hatte, verbrannt. Ins Gewicht fiel, dass die Handwerksbetriebe in den ersten Nachkriegsjahren Aufträge nur gegen einen „Aufschlag an Geld oder Waren“ annahmen – zu schwach war die Reichsmark.
Die Herzogin-Elisabeth-Straße,
Ecke Georg-Westermann-Alle
Der Weg aus der Krise:
Instandsetzung durch Hilfe zur Selbsthilfe
Oberste Priorität räumte die Nibelungen der Sicherstellung der Versorgungslage in den Vierteln ein. Notdürftig richtete sie gleich nach Kriegsende trotz eines großen Materialdefizits die Lebensmittelgeschäfte ihres Bestandes her. Hunger und Kälte waren die bestimmenden Themen der Nachkriegsgesellschaft. Vor dem Winter 1945/46 erreichte das Braunschweiger Wohnbauunternehmen, dass in jeder noch bewohnbaren Wohnung ein Ofen aufgestellt wurde. Hilfe zur Selbsthilfe schien der Nibelungen der einzig denkbare Weg: Wer Beziehungen zur Beschaffung von Baustoffen hatte, schaffte es auf der Liste der Wohnungsinteressenten nach ganz oben. Bis Ende des Jahres 1945 konnten immerhin 34 Wohnungen durch Eigenleistungen der Mieterinnen und Mieter bewohnbar gemacht werden.
Nibelungen-Geschäftsführer Walther Packmann notierte im Geschäftsbericht 1947:
„In dieser schwierigen Lage waren wir genötigt, uns beim Ausbau unserer kriegsbeschädigten Wohnungen der Mit- bzw. Selbsthilfe der Wohnungssuchenden zu bedienen. Es lag in der Natur der Sache, dass die soziale Gerechtigkeit hierbei recht häufig Schaden leiden musste, da wir bei der Auswahl der Bewerber denjenigen den Vorzug geben mussten, die die größere Materialleistung vollbringen konnten. Aber der harte Zwang, unsere beschädigten Wohnungen so schnell wie möglich wiederherzustellen, um weiteren Zerstörungen durch Witterungseinflüsse vorzubeugen und nicht zuletzt auch die Notwendigkeit, die Wohnungsnot mit allen Mitteln zu steuern, ließ uns alle Bedenken zurückstellen.“
Aufbruch in eine neue Zeit:
Die Währungsreform von 1948
Der Mittelweg in den 1950er-Jahren
Geschäftsführer Packmann konnte noch im Laufe des Jahres 1948 vermelden, dass 177 völlig zerstörte Wohnungen und rund 800 der mehr oder minder stark beschädigten 1.652 Wohneinheiten wiederhergestellt waren. Doch jeder Deutsche wartete fieberhaft auf die Währungsreform – dies war eine der bedeutendsten wirtschaftspolitischen Maßnahmen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Währungsreform vom 20. Juni 1948, die in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands in Kraft trat und infolgedessen die Deutsche Mark die schwache Reichsmark ablöste, bedeutete auch für die Nibelungen den Aufbruch in ein neues Zeitalter des Bauens – und in die Moderne. Es kam zur Wiederbelebung des sozialen Wohnungsbaus in Braunschweig. Denn urplötzlich waren die Lager voll: Die Instandsetzungsmaßnahmen und Reparaturarbeiten kamen bei Braunschweigs größtem Vermieter ins Rollen. Dachziegel, Holz, Regenrinnen, Fenster, Öfen, Herde und Waschkessel standen dem 1926 gegründeten Wohnungsbauunternehmen quasi über Nacht wieder in ausreichendem Maße zur Verfügung.
Mithilfe des Wohnungsbau-Sonderprogramms nach der Währungsreform 1948 baute die Nibelungen beispiellos 3.447 Wohneinheiten, darunter befanden sich 914 Wohnungen für Geflüchtete, Vertriebene aus den besetzten deutschen Ostgebieten („Aussiedler“) und aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), 533 Wohnungen für Menschen, die in den Bunkern, in Notwohngebäuden und Wohnlagern (Bunkerräumungsprogramm) lebten, 284 für Personen, die ihre Wohnungen wegen des innerstädtischen Verkehrsstraßenbaus räumen mussten, aber auch Wohnungen für junge und kinderreiche Familien.
Die Wohnungsbau-Sonderprogramme nach der Währungsreform 1948
Endgültig einen Bauboom, auch bei der städtischen Tochtergesellschaft, leitete das Erste Wohnungsbaugesetz vom 24. April 1950 ein. In diesem Jahr lebten in der Stadt Braunschweig aufgrund der vielen Geflüchteten, Vertriebenen und den Zugewanderten, die aus der SBZ über die grüne Grenze geflohen waren, 215.884 Menschen in nur 49.660 Wohnungen. Rund jeder Vierte in Braunschweig war ein Zugewanderter. 1950 begann die Nibelungen, so lautete immer häufiger die in den Geschäftsberichten der späten Nachkriegsjahre verwendete Bezeichnung der Nibelungen-Wohnbau-GmbH, mit dem Neu- und Wiederaufbau von 259 Wohnungen in der Herzogin-Elisabeth-Straße, in der Ludwigstraße, in der Comeniusstraße, in der Siegfriedstraße, in Querum, in der Kriemhildstraße und am Mittelweg. Die Nibelungen sorgte für Aufschwung und übernahm beim Wiederaufbau Braunschweigs die Federführung – und es kehrte wieder Leben in die Wohnviertel.