70er Moehlkamp
Epochen

Woodstock, Mondlandung und die ersten Farbfernseher prägen Alltag und Gesellschaft in den 1960er-Jahren. Städte wachsen nach oben – Hochhäuser werden zum Symbol modernen Wohnens. In Braunschweig entstehen die Weststadt und der Heidberg, die den urbanen Wandel sichtbar machen. Die Nibelungen beteiligt sich am Bau von Quartieren, die Funktionalität und Lebensqualität verbinden – eine Ära des Aufbruchs in die Höhe.

70er Weststadt

Neue Stadtteile entstehen: 
Weststadt und Heidberg-Melverode

Ein Blick auf die Weststadt in den 1970er-Jahren

Braunschweigs ­­Bevölkerungszahlen stiegen und stiegen – von 1945 bis 1960 hatte sich die Einwohnerzahl der zweitgrößten Stadt Niedersachsens um 110.000 Menschen erhöht. Dies lag vor allem an dem großen Bevölkerungszuwachs durch die Geflüchteten und Vertriebenen, die als Kriegsfolge ihre Heimaten, die vorwiegend in den früheren Ostgebieten lagen, für immer verloren hatten. Neue Herausforderungen im Wohnungsbau warteten ab Ende der 1950er-Jahre auf die Nibelungen-Wohnbau-GmbH: Wegen der DDR-Geflüchteten, der Familien der Babyboomer-Gene­­ration und den sogenannten Gast­­arbeiterinnen und Gastarbeitern herrschte auch in Braunschweig nach wie vor ein großer Wohnraummangel. Unter anderem Italiener, Griechen, Türken und Jugoslawen kamen als Arbeitsmigrantinnen und -migranten mit Sonderzügen nach Deutschland. Wegen des rasanten Wirtschaftsaufschwungs wurden ihre Arbeitskräfte dringend gebraucht. Und so wuchs die Kommune, die 1960 knapp über 270.000 Ein­­woh­ne­­rinnen und Einwohner zählte, erneut: Die Nibelungen, die mittlerweile über 35 Jahre Erfahrung im sozialen Wohnungsbau verfügte, übernahm eine führende Rolle bei den bis heute größten städtebaulichen Wohnbauprojekten in Braunschweig. In zwei neuen Stadtteilen – einer im Süden der Stadt, einer im Westen Braunschweigs – entstanden nicht nur zehntausende von Wohnungen, sondern in zwei „Satellitenstädten“ moderne Lebensräume und funktionale Nachbarschaften für mehr als 30.000 Menschen.

60 er Jenastieg

Heidberg-Melverode
das moderne Stadtviertel
im Süden Braunschweigs

1955 begannen südlich des Braunschweiger Zuckerbergs die Planungen für den neuen Stadtteil Heidberg-Melverode. Die Stadtplaner hatten den für 7.500 Menschen vorgesehenen Heidberg nach dem städtebaulichen Leitbild der „gegliederten und aufgelockerten Stadt“ konzipiert. 1958 gründete die Nibelungen gemeinsam mit anderen gemeinnützigen Wohnungsunternehmen eine Arbeitsgemeinschaft zum Aufbau des neuen Stadtquartiers, das wie in den Gründerjahren der Nibelungen zum großen Teil auf freiem Acker entstand. Im selben Jahr begann die Nibelungen mit dem Bau der ersten Häuser im Heidberg. Kein anderes braunschweiger Wohnungsunternehmen besaß so viel Know-How im sozialen Wohnungsbau. Dies waren Wohnblocks mit viel Grün drum­herum, aber auch moderne Doppelhaushälften entstanden in der unmittelbaren Nachbarschaft. Rein technisch betrachtet bot das zeit­- typische städtebauliche Konzept eine architektonische und soziale Mischung im Viertel. Wie in den Ursprüngen des Siegfriedviertels wohnten z. B. Arbeiter, Industrie­­manager und Lehrer Tür an Tür.

Quartiersgeschichten: Karin

Leben, Alltag und
Autarkie im Viertel

Den Mittelpunkt des Heidbergs bildeten das große Einkaufszentrum und der Markt, wie später in der Weststadt explizit dafür geplant, dass sich ein ganzes neues Viertel selbst versorgen kann. Doch für die Heidberger waren dies vor allem soziale Treffpunkte und nicht selten der „Viertelfunk“. Hier sprach und diskutierte man über das Wembley-­Tor der Fußballweltmeisterschaft 1966, über die Studenten­revolten und die Mondlandung – aber natür­­lich auch über das Neueste aus dem Heidberg. Die Autarkie des Viertels wurde 1965 durch die Einweihung des Schulzen­trums mit drei Schulformen und einem Lehrschwimmbecken untermauert. Das Wahr­­zeichen des Viertels, schon von Weitem sichtbar, ist das imposante Hochhaus „I-Punkt“ inklu­sive Restaurant mit Blick über die Stadt – bis heute das größte bewohnte Gebäude Braunschweigs. Gleichzeitig ent­wickelte sich der Heidberg zum autogerechten Stadtteil. Die Autos der Zeit wie Volkswagen Käfer, Borgward Isabella oder Opel Kapitän waren vom funktionalen „Mobilmacher“ zum emotionalen, designschönen Objekt geworden. Auch deshalb ließen die Stadtplaner die Straßen im Heidberg überdimensional ausfallen. Die Wohnbaugesell­schaften stellten daher vor jedem Hauseingang ausreichend, schräg angelegte Parkreihen für ihre Mieterinnen und Mieter zur Verfügung. Eine Szene ist vielen bis heute im Gedächtnis geblieben: Samstags wuschen Familien ihre Autos mit weichem Schwamm und reichlich Schaum direkt auf der Straße – zeittypisch, wenn auch alles andere als umweltfreundlich.

Die Art des Wohnens und das Freizeitverhalten der Menschen hatten sich auch in Braunschweig im Laufe der Jahrzehnte geändert: Viele junge Familien zogen in die für ihre individuellen Bedürfnisse perfekt geschnittenen Wohnungen mit Balkonen oder Terrassen. Viel Grün, viele Spielplätze, nur wenige Schritte für Jung und Alt bis ins eigene Stadtteilschwimmbad, alle Schulformen und der Heidbergsee als beliebtes Nah­erholungsgebiet direkt am neuen Stadtteil. So lebte sich das Leben leicht im Viertel – und die Eltern­generation blieb nicht selten ihr ganzes Leben im Heidberg wohnen.

70er Weststadt

Die Weststadt:
Jung und Alt ziehen in die
„gegliederte und aufgelockerte Stadt“

Ein Blick auf die Weststadt in den 1970er-Jahren

1960 erfolgte der Startschuss zu einer weiteren neuen „Satelliten­­stadt“ für mehrere 10.000 Menschen im Westen Braunschweigs. Die Nibelungen trat nur zwei Jahre später der „Arbeitsgemeinschaft zum Aufbau der Braunschweiger Weststadt“ bei, der die prominentesten acht regionalen Bau- und Wohnungsgenossenschaften angehörten. Mit dem Aufbau der Weststadt wurde die Nibelungen Teil des größten städtebaulichen Bau­­­­projektes, das es je in Braunschweig gab, und schrieb zudem Geschichte: Die Weststadt zählt bis heute zu den größten Baugebieten im sozialen Wohnungsbau auf ehemals bundesdeutschem Territorium.

60er Magdeburgstraße
Die Magdeburgstraße mit typischen Automodellen der 1960er-Jahre

Nach dem Leitbild der „gegliederten und aufgelockerten Stadt“ sollte Wohnraum für etwa 25.000 Men­­schen geschaffen werden. Die Stadtplaner hatten für jede der fünf funktionalen und in Blöcken errichteten Nachbarschaften jeweils 5.000 Einwohner vorgesehen. In jeder Gestaltungseinheit war die Errichtung eigener Schulen, Kindertagesstätten, Kirchen und kleinerer Einkaufsmeilen in sich abhebenden, zweigeschossigen Nachbarschaftszentren mit Einkaufsmöglichkeiten, Wäschereien, Drogerien und Restaurants geplant. 1963 hatte die Nibelungen einige Häuser fertiggestellt. In der Nachbarschaft V im Bereich Am Queckenberg, Im Wasserkamp, Am Lehmanger und an der Donau­straße zogen die ersten Mieterinnen und Mieter ein.

Die Bauweise der blockweise angeordneten, hohen Häuser entsprach der Vorstellung der europäischen Architekten für den sozialen Wohnungsbau. Einfach nur wohnen – das reichte vielen Menschen nicht mehr. Sogenannte „Kommunikationsbereiche und Kommunikationsinseln“ sollten das Wohnen in der Weststadt angenehmer machen. Jung und Alt lebten zusammen in einem Viertel. Viele Grünflächen, Kinderspielplätze, zeittypische Wasserspielplätze, verkehrsfreie Fußgängerbereiche, Sitzbereiche, verbindende Fußwege, eingegrünte Stellflächen und an vielen Ecken Kioske, an denen die Kinder und Jugendlichen eine bunte Tüte, Esspapier und Eis erhielten und Erwachsene beim Zeitungskauf ins Gespräch kamen, dienten als soziale Kontaktpunkte. All dies machte den Familien der Weststadt das Leben angenehmer. Viele wohnten in der Weststadt, arbeiteten aber in der Innenstadt oder anderen Braunschweiger Vierteln. So gelang erstmalig die Trennung zwischen Arbeit und Wohnen. Nicht nur junge Familien bewarben sich um eine Wohnung in der Weststadt, sondern auch viele ältere Menschen erkannten die Vorzüge und Annehmlichkeiten des zeittypischen neuen Wohnens der 1960er- und 1970er-Jahre. Sie zogen aus den häufig engen Verhältnissen der Innenstadt in die Weststadt. Dort war alles neu: Jetzt besaßen sie eine Zentralheizung, fließend warmes Wasser, ein vollausgestattetes Badezimmer sowie einen Balkon oder eine Terrasse.

In den frühen 1970er-Jahren stieg die Lebens­qualität und -kultur in der Weststadt deutlich. Dazu trugen die Eröffnung des Einkaufszentrums als Mittelpunkt des Stadtteils, der Bau der IGS Wilhelm Bracke, von Kindertagesstätten, Sozialstationen, einem Jugendfreizeitzentrum und Seniorenheimen bei. Einen weiteren wichtigen Meilenstein bildete die eigene Straßenbahntrasse, die ab 1977 über die verbreiterte Luisenstraße im Westlichen Ringgebiet die neue Satellitenstadt mit der Braunschweiger Innenstadt verband.

Heute erntet die Bauweise der Weststadt häufig Kritik, doch den damaligen Architekten bot sie neue Möglichkeiten, kreativ moderne Lebensräume zu schaffen. Und das passte in die Zeit. Denn die Art des Wohnens hatte sich auch in Braunschweig im Laufe der Jahrzehnte geändert. Trotz der recht starren Kriterien des sozialen Wohnungsbaus hatte es die Nibelungen ge­- ­­schafft, für ihre Mieterinnen und Mieter der Weststadt einen neuen Komfortstandard des Wohnens ein- zuführen. Fast wie damals, als die Nibelungen 1926 durch die Errichtung der „Satellitenstadt“ Siegfriedviertel für ihre Mieter­innen und Mieter einen neuen Standard des Wohnens geschaffen hatte – ­zurück zu den Wurzeln, aber in moderner Form der damaligen Zeit.

Die 70er:
Neue Zeiten, neue Aufgaben
für die Nibelungen

Am 1. Januar 1968 verabschiedeten sich der deutsche Staat und das Land Niedersachsen nach der Über­­windung der Wohnungskrise endgültig aus der gesetzlich geregelten Wohnungsbauwirtschaft. 1967 hatte die Nibelungen das Schwestern­­wohnheim des Städtischen Klinikums mit 212 Wohnungen an der Salzdahlumer Straße fertiggestellt. Im Heidberg konnten den Miete­­rinnen und Mietern die Schlüssel für die restlichen 252 Wohnungen übergeben werden. Doch die Zeit der Großbauprojekte in Braunschweig ging im Jahr der Studenten­­revolten 1968 auch für die Nibe­­lungen zu Ende. Auf der einen Seite das Ende der Zwangswohnbau­bewirtschaftung, auf der anderen die um sich greifende Krise im Bausektor: Tarifliche Lohnsteigerungen, die auf die Bauwirtschaft abgewälzt wurden, die Abwanderung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Baubranche in die boomende Industrie (500.000 Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter kamen nach Deutschland und das Bruttosozialprodukt betrug 1969 rekordhafte 11,8 Prozent) und drastische Preis­­steigerungen im Bau von bis zu 40 Prozent ließen auch die Bau­­tätig­­keiten 1969/70 erlahmen. Im Geschäftsbericht von 1970 beklagt sich die Nibelungen darüber hinaus über Baukredit­zinsen zwischen acht und neun Prozent, „ohne die nun mal Bau­vorhaben nicht umsetzbar sind“.

Trotz der Krisenlage hatte das Wohnbauunternehmen 1970 einen neuen Rekord bei der Gesamtbewirtschaftung aufgestellt: 9.363 Mieteinheiten gehörten zum Bestand – dreimal so viel wie im Jahr 1948. 

1972 trat die Nibelungen mit der Idee in die Öffentlichkeit, als erstes Braunschweiger Wohnungsunternehmen einen für drei Jahre gewählten Mieterbeirat zu installieren, um das Verhältnis zwischen Vermieter und Mieterinnen sowie Mieter „partnerschaftlicher und demokratischer“ zu gestalten. Am 12. Juli gaben alle Mieterinnen und Mieter ihre Stimmen ab. Dem ausdrücklichen Wunsch der Nibelungen folgend – „im besten Fall Mütter“ – wurden auch zwei Frauen in den zehnköpfigen Rat gewählt. Das Gremium erhielt ein Mitspracherecht sowie Parti­zipationsmöglichkeiten bei Gestaltungsfragen, etwa bei Grünanlagen und Kinderspielplätzen.

Wenn die Nibelungen noch neu baute, dann für kinderreiche Familien: Im Juni 1973 feierten vier Reihenhäuser in der Lincolnsiedlung an der Mark-Twain-Straße Richtfest, die speziell für Familien mit fünf oder mehr Kindern errichtet worden waren. Sie verfügten über eine Wohnfläche von 134 Quadratmetern und waren im Rahmen des Förderprojektes ­ des Landes Niedersachsen „Mehr­familienhäuser für Großfamilien“ entstanden. Die Nibelungen stattete die Häuser mit einem über das Förderprogramm hinausgehenden zweiten Bad mit Dusche und einem Spielgerät im Garten aus. Letzteres konnten sich die Mieterinnen und Mieter für ihre Kinder aussuchen. Im Januar 1974 zogen vier Familien ein, die bisher als Geflüchtete in Notunterkünften gewohnt hatten. Allein 1973 hatte die Nibelungen 49 Familien ein an­­gemessenes neues Zuhause ver­­schafft. In einer Architektur, die einfach genau in die Zeit passte.

Die Einrichtungen jener Zeit erscheinen – zumindest aus heutiger Sicht – gewöhnungsbedürftig, spiegelten aber das optimistische Lebensgefühl der frühen 1970er-­Jahre. In Küche und Bad hatten seit 1972 die Prilblumen-Aufkleber Schränke und Türen erobert. In den Wohnzimmern thronten riesige Phonoschränke oder futuristische Space-Age-Möbel aus knallbuntem Plastik. Und draußen auf den ­Balkonen und Terrassen schützten Sonnenschirme im markanten Orange die Bewohner vor den erbarmungslosen Sonnenstrahlen des „richtigen Sommers“, den Rudi Carrell 1975 in seinem Schlager herbeigesungen hatte. Kurzum: Man hatte es sich gemütlich gemacht. In der Bundesrepublik. In Braunschweig. Und in den Gebäuden der Nibelungen, die längst zur großen Konstante im hiesigen Wohnungsbau geworden war.

70er Moehlkamp
Die Weststadt: der Möhlkamp in den 70ern