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Epochen

Rissbildung und Zerstörung 1933–1945

Rissbildung

Die 1930er-Jahre stehen im Schatten des Nationalsozialismus. Auch die Nibelungen-Wohnbau-GmbH wird von diesem Schatten erfasst. Zwar erlebt das Unternehmen dank großer Wohnbauprojekte in Braunschweig eine wirtschaftliche Prosperität – doch stehen die damit verbundenen Projekte unter dem politischen Einfluss der Macht­haber. So markiert diese Zeit in der Rückschau einen Riss im Fundament der Nibelungen. Dieser Riss kann zwar die solide Statik und Substanz des Unternehmens nicht gefährden. Doch er sitzt im Mauerwerk. Und bleibt.

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Die Nibelungen und
der NS-Siedlungsbau
in Braunschweig

Die breite Saarstraße bildete die Mittelachse der NS-Mustersiedlung Lehndorf

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Braunschweig hielt deren Ideologie auch im Siedlungsbau Einzug. Ab Juni 1934 errichtete die Nibelungen-­Wohnbau-GmbH mit der „Gemeinschaftssiedlung“ Braunschweig-­Lehndorf eine der größten geschlossenen, vorstädtischen Kleinsiedlungen in Deutschland. Wilhelm Ehlers wurde am ­­
1. August 1934 zum Geschäfts­führer der Nibelungen ernannt und löste Dr. Fritz Spangenberg ab. Der Vorgänger hatte das Amt seit der Gründung 1926 innegehabt. 

Rund 8.000 Menschen fanden in der Siedlung in Lehndorf ein neues Zuhause. Das Bauprojekt diente – wie die anderen Braunschweiger Siedlungsaufbauten – vor allem­ als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme
im Baugewerbe und der Entlastung der stark sanierungsbedürftigen hiesigen Altstadt. Beim Großbauprojekt mit am Ende nahezu 2.000 Wohneinheiten kooperierte die Nibelungen mit der Braunschweiger Baugenossenschaft eGmbH, dem zweitgrößten Wohnbauunternehmen in der damaligen Landeshauptstadt. 

Architektur und Ursprung 
des Siedlungskonzepts

Die Gebäude entstanden in Form eingeschossiger Kleinsiedlungshäuser (ausschließlich Doppelhäuser), eingeschossiger Eigenheime unterschiedlicher Größe und Architektur sowie zweigeschossiger Miethäuser. Letztere entstanden vorwiegend an der Haupterschließungsachse Saarstraße. Mit einer Fläche von über 100 Hektar umfasste die NS-Siedlung Lehndorf weit mehr als die Hälfte der Ausdehnung der Braunschweiger Innenstadt innerhalb der Wallan­lagen. Das Zent­rum der Siedlung bildeten ein Platz, eine Geschäftsstraße und das sogenannte „Aufbauhaus“, ein Gemeinschaftshaus mit einem die Siedlung überragenden Turm.

Durch den breit angelegten Einsatz von Arbeiterinnen, Arbeitern und Material war bereits im Januar 1935 ein Großteil der neuen Siedlung errichtet. Die ersten 5.500 Einwohnerinnen und Einwohner konnten in die vielen Häuser und Mietwohnungen einziehen. Lediglich ein weiteres Jahr später meldete die Nibelungen die weitestgehende Fertigstellung der neuen Siedlung im Nordwesten Braunschweigs, sodass die braunschweigische Landesregierung ihr Ziel erreicht hatte: Sie hatte „die erste deutsche Großsiedlung nach 1933“ gebaut.

Doch das nächste große lokale Bauprojekt befand sich beim städtischen Wohnbauunternehmen bereits in den Startlöchern: Ab 1936 baute die Nibelungen – seit 1934 war nach Abgabe der Anteile des Landes Braunschweig die Stadt alleiniger Gesellschafter des Wohnungsbauunternehmens – auch die Südstadtsiedlung in Mascherode, eine weitere Modellsiedlung der 1930er-Jahre.

30er Suedstadt
Die Häuser der Griegstraße in der Südstadt

Erfunden hatten die National­sozialisten dieses städtebauliche Konzept mit kleinen Häusern auf großen Grundstücken zur Selbstversorgung mit Obst und Gemüse nicht – auch wenn es ihrer propa­gandistischen Blut- und Boden­ideologie mit dem Leben auf der eigenen „Scholle“ entgegenkam. Bereits gegen Ende der Weimarer Republik war aufgrund der negativen Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise 1929 eine Wende im sozialen Wohnungsbau eingeleitet worden: weg vom mehrstöckigen Wohnungsbau in Blockform, hin zum Bau von kleinen Siedlungseinheiten am Stadtrand und auf dem Land. Solche Ideen finden sich bereits ab 1906 bei den Plänen zur Errichtung der Gartenstadt Helle­rau in Dresden.

Wohnraum für
die Luftwaffe:
Das Fliegerviertel

1935 begann die Nibelungen mit der Errichtung des „Fliegerviertels“, dem heutigen Malerviertel. Das Unternehmen baute Wohnraum für Angehörige der deutschen Luftwaffe, und so entstanden bis 1937 nördlich ­der Grünewald­straße und des Gebäudekomplexes des Luftflottenkommandos ein- bis zweigeschossige Zweifamilien­häuser. Bezogen wurden diese vor allem von hohen Offizieren der Kommandozentrale der Luftwaffengruppe 2. Aber auch die mehrgeschossigen Wohnhäuser im Norden der neuen Siedlung be­saßen einen hohen Wohnkomfort. Die letzten Wohn­einheiten in der Richterstraße wurden im Monat des Kriegsbeginns im September 1939 bezogen. Ebenfalls für Luftwaffenangehörige baute die Nibelungen das Wohngebiet an der Georg-Westermann-Allee und die bis heute bei den Mieter­innen und Mietern sehr beliebten Wohnungen an der Herzogin-­Elisabeth-Straße, die 1937 fertig­gestellt wurden.

Das Vorzeigeprojekt:
Die Gartenstadt und spätere Fusionen

Im Südwesten Braunschweigs entstand das Vorzeige-Siedlungsprojekt der Braunschweigischen Landesregierung. Im Juli 1933 wurde die „Dietrich Klagges“- Gartenstadt, gemeinnützige Aktiengesellschaft, Braunschweig, gegründet. 39 Aktionäre stellten ein Aktienkapital von 150.000 Reichsmark zur Verfügung. Zu ihnen gehörten vor allem die großen Industriebetriebe des Landes Braunschweig, darunter die Automobilwerke Büssing, die Miag Mühlenbau u. Industrie AG, die Pantherwerke AG, die Brunsviga Maschinenwerke Grimme, die Brauerei Feldschlösschen Streitberg, die Franke & Heidecke GmbH sowie Gebr. Welger in Wolfenbüttel. Zum Kreis der Aktionäre zählten darüber hinaus auch Braunschweiger Kaufleute, Verleger, Rechtsanwälte und Apotheker sowie Banken wie die Dresdner Bank und einzelne Bankdirektoren. 

Anfang 1939 ging die „Dietrich Klagges“-Gartenstadt AG mit dem Ziel einer Verschmelz­ung beider Unternehmen an die Stadt Braunschweig und Wilhelm Ehlers war ab Mai des Jahres Geschäftsführer beider Wohnbauunternehmen. ­
Peu à peu kaufte die Stadt Braunschweig die Aktien von den bisherigen Aktionären auf. Doch die Fusion war nur von kurzer Dauer: Am 15. Juli 1941 wurde das 1933 ins Leben gerufene Unternehmen zum Bau der Gartenstadt um­benannt in „Wohnstätten – Aktien­gesellschaft Braunschweig, gemeinnütziges Wohnungsunternehmen“.

Zerstörung

Der Zweite Weltkrieg legt Europa in Trümmer, auch Braunschweig wird 1944 schwer bombardiert: Ganze Stadtteile liegen in Schutt und Asche. Wohnraum ist knapp, Baumaterial rar. Die Bevölkerung kämpft ums Überleben, ­Kinder werden evakuiert, Luftschutz­keller sind Alltag. Auch die Nibelungen ist von diesem Furor getroffen.

30er Gartenstadt

Bauen im
Zweiten Krieg

Die Gartenstadt wurde in den 1930er-Jahren gebaut

In der zweiten Hälfte der 1930er- Jahre kündigte sich in Braunschweig ein Ende der Errichtung von NS-Mustersiedlungen an. ­Zwar hatte die Nibelungen noch ­im Juli 1939 mit dem Bau von neun Eigenheimen für Mitglieder der Reichsjugendführung, die an der Akademie für Jugendführung an der Wolfenbütteler Straße tätig waren, begonnen. Jedoch konnten die Mieter die Häuser in der „Südstadt-Siedlung Braunschweig-Mascherode“ nach der Fertigstellung 1940 nicht mehr beziehen, weil sowohl die Schüler als auch die Lehrkörper unmittelbar nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 zum Heeresdienst eingezogen worden waren. Vielmehr plante die Nibelungen für das Jahr 1939 in der Lindenberg­siedlung die Errichtung von 496 „Volkswohnungen“, also mehrgeschossige, günstige Wohnungen mit einfacher Ausstattung – die nationalsozialistische Vorstellung des sozialen Wohnungsbaus –, 160 Mietwohnungen und 64 Kleinsiedlerstellen. 

Kriegsausbruch und
Luftschutzmaßnahmen

Für die Nibelungen bedeutete der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen Anfang September 1939 einen endgültigen Wendepunkt. Um die Braunschweiger Zivilbe­völkerung vor den alliierten Luftangriffen zu schützen, wurden in der Innenstadt und in den Stadtvierteln große Betonbunker für mehrere Tausend Menschen errichtet. Auch viele Mieterinnen und Mieter der Nibelungen hatten auf bittere Art und Weise bei Bombenangriffen erfahren, dass das Aufsuchen der im Keller errichteten Luftschutzräume als Garant für das Überleben und die körperliche Unversehrtheit nicht ausreichte.

Ab Februar 1941 begann die Nibelungen in der Sied­lung Mascheroder Holz am Siedlerweg und in der Gartenstadt ins­gesamt 272 sogenannte „Bunker-Ersatzwohnungen“ als Ausgleich für den in der Stadt entfallenen Wohnraum zu bauen. Zum Einsatz auf den Nibelungen-­Baustellen kamen wegen des herrschenden personellen Mangels ausländische Zwangsarbeiter, die der Nibelungen kurzfristig vom Arbeitsamt Braunschweig zuge­wiesen worden waren.

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Die Lindenbergsiedlung in der Nähe des Güterbahnhofs

Der kriegswichtige
Wohnungsbau

Nach dem Kriegsbeginn gab es ­auch für das städtische Wohnbauunternehmen lediglich noch den „kriegswichtigen Wohnungsbau“, bei dem Wohnraum ausschließlich für Arbeiterinnen und Arbeiter in der Rüstungsindustrie sowie für Militärangehörige geschaffen wurde. Beispiele hierfür sind die Donnerburgsiedlung in der Nähe des Volkswagen-„Vorwerkes“ mit seinen zweigeschossigen Doppelhaushälften, Reihen- und Miet­häusern sowie die Voigtländer Werkswohnungen Gliesmarode und Wohnungen für die Luftfahrtforschungsanstalt am Waldrand von Lehndorf. 

Mit dem Ausscheiden von Wilhelm Ehlers als Direktor der „Dietrich Klagges“-Gartenstadt und ihrer Umbenennung in Wohnstätten AG im Sommer 1941 endete die Beteiligung der Nibelungen an dem ehemaligen NS-Vorzeige-Siedlungsbauunternehmen des Landes Braunschweig.

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Der neugebaute Bunker an der Okerstraße mit der historischen Braunschweiger Altstadt

Dem Untergang entgegen:
Die Nibelungen und die letzten Kriegsjahre

Die internen Konflikte und die Abnutzungserscheinungen zwischen Nibelungen-Geschäftsführung und Aufsichtsrat spitzten sich 1942 zu: Das Aufsichtsgremium mit dem Vorsitzenden und Braunschweiger NS-Oberbürgermeister Dr. Wilhelm Hesse trieb daher in der zweiten Jahreshälfte die Absetzung des Nibelungen-­Geschäftsführers Wilhelm Ehlers voran. Es hatte Mitte Oktober den Hannoveraner Oberrevisor und Wirtschaftstreuhänder des Nationalsozialistischen Rechtswahrerbundes Karl Fischer als zweiten hauptamtlichen Geschäftsführer installiert. Fischer, der bis zum Kriegsende das Amt des Ge­schäftsführers ausübte, legte Ehlers zur Last, drei ehemalige Straftäter bei der Nibelungen eingestellt und dies dem Aufsichtsrat verschwiegen zu haben. Am 1. Februar 1943 versetzte der Aufsichtsrat Ehlers in den Ruhestand, lobte ihn aber nach der Amtsenthebung für die Verdienste um die NSDAP und die Nibelungen. Ende 1943 war mehr als die Hälfte der knapp 64-köpfigen Belegschaft der Nibelungen zum Heeresdienst 
oder anderweitigem Kriegseinsatz eingezogen worden. Seit 1940 hatte keine Aufsichtsratssitzung stattgefunden, ohne dass die Namen der im Krieg gefallenen Nibelungen-Mitarbeiter, die den Heldentod gefunden hatten, verlesen wurde. 

Bilder unten: Zerstörte Gebäude im Siegfriedviertel in den 1940er-Jahren

Die letzten Kriegsjahre
und die Zerstörung

Wegen des Personal- und besonders des Materialmangels hoffte die Nibelungen zumindest, in den letzten Kriegsjahren, „die Wohnungen, die sich schon bei Beginn des Krieges im Bau befanden, fertig zu bekommen und darüber hinaus einige wenige kriegswichtige Wohnungsbauten“ vorzunehmen. Doch vor allem konzentrierte sich Braunschweigs nach wie vor größter Vermieter im vierten Kriegsjahr vorwiegend auf die Verwaltung des Wohnungsbestandes. Um sich von den Luftangriffen der Briten und US-Amerikaner zu erholen und zu schützen, nahmen 1943 viele Mütter, die in Wohnungen der Nibelungen lebten, mit ihren Kindern an „Landver­schickungen“ teil. Im selben Jahr wurde auch die Pflege der Gartenanlagen der Nibelungen eingestellt. 

Der Zusammenbruch des nationalsozialistischen Staates und die Kriegsniederlage zeichneten sich ab. In der Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 1944 wurden 90 Prozent der Braunschweiger Innenstadt zerstört. Auch der Großteil der Häuser der Nibelungen wurde dadurch unbewohnbar. Kurz vor Weihnachten 1944 beschloss der Aufsichtsrat der Nibelungen daher, Verhandlungen mit dem Braunschweigischen Staatsminis­terium aufzunehmen, um „die Bauzeichnungen und einen Teil wichtiger Akten in einem Bergwerk unter­zubringen“. 

Mit dem Einmarsch der US-Kampfverbände im April 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Braunschweig. Bereits in den Tagen danach kam es auch zu einem personellen und bauwirtschaftlichen Neuanfang bei der Nibelungen – und einem Aufbruch in eine demokratische Moderne stand nichts mehr im Wege.