Die 1920er-Jahre tanzen zwischen Glanz und Gefahr: Während Musik und Kino ein neues, freieres Lebensgefühl in Szene setzen, ziehen nach Inflation die dunklen Schatten einer Weltwirtschaftskrise auf. Eine flirrende Spannung liegt in der Luft, die auch in Braunschweig spürbar ist: Die Stadt wächst und wächst – aber mit ihr auch die Not. Bezahlbarer Wohnraum wird dringender benötigt denn je. Da tritt ein neuer Akteur auf den Plan …
1926
Neue Wege in der Weimarer Republik
Krise und Aufbruchstimmung in einem: Kein anderes Jahrzehnt hatte in Deutschland bis dato eine so große gesellschaftliche Veränderung herbeigeführt wie die Goldenen Zwanziger. Das beschwingende Gefühl von individueller Freiheit, Emanzipation und Entfaltung reichte in der ersten deutschen Demokratie bis nach Braunschweig. Deutscher Kaiser und Braunschweiger Herzog standen 1926 für die knapp über 146.000 Einwohnerinnen und Einwohner der Landeshauptstadt für eine untergegangen Epoche. Körperkult, expressionistische Kunst und Design des Bauhauses, die 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründete Kunstschule, hatten auch hier die diktierten Normen des Kaiserreiches abgelöst. Vielmehr nahm das Individuum ab Mitte der 1920er-Jahre einen immer höheren Stellenwert ein; traditionelle Klassenmodelle und ihre Abgrenzungen wurden zugunsten eines kameradschaftlichen Wir aufgehoben – dies spiegelte sich auch im Wohnen wider.
Krise und neue
Wohnkonzepte
Doch: Der Weltkrieg von 1914 bis 1918 hatte auch an der Oker für ein städtebauliches Vakuum gesorgt; vor allem im Wohnungsbau herrschte in Braunschweig wie auch andernorts Stillstand. Eine sich bereits Mitte der Goldenen Zwanziger abzeichnende und 1929 tatsächlich eintretende Weltwirtschaftskrise und die stetig steigenden Arbeitslosenzahlen ließen auch an der Oker dunkle Wolken aufziehen. In Braunschweig herrschte eine Wohnungsnot, die mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht zu bewältigen war. Auch weil die Sanierung der zum Teil jahrhundertealten Fachwerkhäuser der historischen Innenstadt mit ihren beengten Wohnverhältnissen – ja, fast schon Elendsviertel – schon lange überfällig war.
Um die Wohnungsnot in Braunschweig zu lindern, blieb nur das Bauen auf der grünen Wiese. Der Norden Braunschweigs bot die ideale Fläche für das Entstehen eines neuen Stadtviertels. Eines, wie es in Braunschweig noch nie dagewesen war: moderne Wohnungen, Geschäfte für die Quartierbewohner, viel Grün und viel Luft zwischen den Gebäuden. Wohnquartiere, wie sie auch in deutschen Großstädten wie Berlin, Frankfurt und Hamburg in der Republikzeit entstanden.
Die Gründung
Nibelungen-Wohnbau-
GmbH Braunschweig
Was fehlte, war ein Akteur, der die für den Aufbau eines völlig neuen, an den Stil des Bauhauses angelehnten Braunschweiger Viertels notwendigen Mittel und Ressourcen mitbrachte. Die Braunschweiger Wohnungsgenossenschaften und -gesellschaften hatten ein derartiges Großprojekt wegen fehlenden Kapitals abgelehnt.
Ein früher Bebauungsplan für ein neues Stadtquartier auf dem „Ärkeroder Feld“ (1919)
Stadt und republikanischer Freistaat taten sich für die städtebauliche Herkulesaufgabe zusammen und gründeten am 22. Juli 1926 die Nibelungen-Wohnbau-GmbH Braunschweig. Vier Tage später erfolgte der Eintrag des Unternehmens in das Handelsregister. Die Namensgebung war zeittypisch: In der Zeit der Weimarer Republik war die Nibelungensage genauso wie andere Götter- und Heldensagen in Deutschland nicht nur en vogue, sie stärkten mit ihrer Motivationskraft nach dem verlorenen Weltkrieg die nationale Identität. Bei der Gründung der Nibelungen 1926 zahlten die Stadt und der Freistaat jeweils 500.000 Reichsmark als Stammkapital ein –
ein immenses Kapital für den neuen Akteur. In den Folgejahren wurde dieses bis auf 3,5 Millionen Reichsmark erhöht. Als Gründungszweck gaben Stadt und Land im Gesellschaftervertrag „die Durchführung eines Wohnungsbauprojektes von ihren 150 Klein- und Mittelwohnungen in der Siegfriedstraße in Braunschweig und die dauernde Verwaltung dieser Wohnungen" an – und schufen damit vor 100 Jahren das Fundament, auf das die Nibelungen bis heute baut.