Kap 2 Bebelhof 30er 2000
Epochen

Grundsteinlegung 1926–1932

Während die Weltwirtschaftskrise 1929 Banken erzittern lässt, treiben ­innovative Köpfe die Moderne voran: Das Bauhaus prägt Architektur, Design und Kultur. Reduktion auf das Wesentliche. Klarheit statt Ballast. In Ästhetik, Funktion und Geist. Auch in Braunschweig wird dieser Geist sichtbar. Hier wachsen Viertel, die Licht, Funktion und soziale Idee ­verbinden – Quartiere, die zeigen, dass man auch in unsicheren Zeiten Zukunft bauen kann.

20er Siegfriedviertel Luftaufnahme

Der Aufbau eines Stadtviertels auf der grünen Wiese

Ein Luftbild vom Siegfriedviertel in den 1920er-Jahren

Bereits seit 1918 entstanden bei der Stadt Braunschweig die ersten Bebauungspläne für ein neues Stadtquartier auf dem „Ärkeroder Feld“. Allen am Aufbau Beteiligten war klar: Das hiesige Bauen würde eine neue Dimension erreichen. Niemals zuvor hatte es in Braunschweig ein derartiges Groß­projekt des sozialen Wohnungsbaus gegeben.

Ein neues Viertel entsteht

Ab dem 24. Juli 1926 stampfte die Nibelungen-Wohnbau-GmbH im Norden Braunschweigs ein ganzes Viertel aus dem Boden. Die Braunschweiger Stadtplaner und Architekten des Nibelungenviertels projektierten es entlang der ­­Siegfriedstraße. 
Bis 1931 hatte die Nibelungen ­hierfür 5,8 Millionen Reichsmark für die 90 entstandenen Wohn­­häuser des Siegfriedviertels ausgegeben, um die vorwiegend Sechs- und zum Teil Acht-Familien­häuser hochzuziehen. Für die Architekten der Zeit waren dies die idealen Höhen der Häuser und Bauformen. Sehr weitläufig standen die Bau­körper auseinander, die Hofräume waren dementsprechend groß. Erklärte Ziele der Stadtväter waren nicht nur die Linderung der Wohnungsnot, sondern auch das An­­kurbeln der Bauwirtschaft und damit die Verringerung der Er­­werbs­­losigkeit in Braunschweig. Die bisherige grüne Wiese wurde zu modernem Wohnraum und Heimat für die Braunschweigerinnen und Braunschweiger, die in Zeiten hoher Arbeitslosenzahlen sozial schlecht dastanden – darunter befanden sich auch viele kinderreiche Fami­lien. Die zuerst angepeilten Mietpreise für die Wohnun­gen hatte die Nibe­­lungen in ihrer ersten Gesellschafterversammlung 1926 im Sinne einer besseren Sozialverträglichkeit noch einmal verringert.

Das Leben im
Siegfriedviertel

Arbeiter und Staatsdiener wohnten im Viertel Tür an Tür: Staatsbeamte u. a. der Land- und Amtsgerichte, der Distriktstaatsanwaltschaft, der Staatsbank, des Landestheaters, Polizeibeamte der Präsidien, Lehrer und Justizvollzugsbeamte, Uni­­versi­­tätsmitarbeiter und Landjäger konnten sich schon bei der ersten Bauphase ab 1926 bei ihrem Arbeit­­­geber, dem Freistaat Braunschweig, für die modern ausgestatteten Woh­­nun­­gen im Viertel bewerben.
In fünf Bauabschnitten errichtete die Nibelungen von Ende Juli 1926 bis Mai 1931 insgesamt 90 Wohnhäuser mit 695 Wohnungen, 16 Läden und eine Gaststätte.

30er Siegfriedviertel Brunhildenstrasse

Mehr Wohnraum in der Stadt, mehr Arbeit, mehr Lebensqualität: Die Nibelungen setzte Mitte der 1920er die Visio­­nen des bauhausartigen Städtebaus der Wei­marer Repu­­blik

im Nibelungen­viertel um und schuf in Braunschweig mit diesem Modellprojekt eine neue und bisher nicht da­­gewesene Wohn- und Lebenskultur. Das Hufeisen und der Kreis (später ­der Walkürenring und die sich anschließende Brunhilden- und Dietrichstraße) galten bei der Straßenstruktur als Ideal­­figuren bei der 1926 begonnenen Trabanten­­stadt im Grünen. Mit der Grün­dung der Nibelungen schloss das Unternehmen zum Bau des ersten Bauabschnittes an der Siegfriedstraße einen Vertrag mit der Wohn- und Zweckbau GmbH. Hierbei handelte es sich um ein neues, großes Bauunter­nehmen, in dem sich viele kleinere Handwerks­­betriebe aus Braunschweig zu­­­­­­sam­­men­­getan hatten und sich in Er­­wartung großer Wohnbau­pro­jekte bereits in Position gebracht hatten. In den späteren Bauabschnitten stießen mit der Firma Vaube und dem Braunschweiger Bauverein zwei weitere verlässliche Unternehmen zum Bau des Nibelungenviertels dazu.

Unknown

1927 hatte die Nibelungen die ­­ersten 150 Wohnungen vorwiegend mit einer Größe von 70 Quadrat­­metern fertiggestellt. Ihre Mieterinnen und Mieter zogen ein und profitierten erstmalig von den Annehmlichkeiten des neuen Wohnens: ein eigenes Bad mit einer eigenen Toilette, Heiz­­möglich­­keiten in jedem Zimmer und bunte Küchen­einrichtungen im Bauhausdesign. 

Dieses spiegelte die individuellen Wünsche dieser Zeit wider. Ein eigener Balkon oder eine eigene Loggia erhöhten noch einmal die Wohnqualität der Mieterinnen und Mieter, genauso wie die weitläu­figen Grünflächen direkt vor der Haustür. Typisch für das Viertel war die Detailversessenheit der Architektur. Die geklinkerten
Türeingänge mit ihrer für die
Bewohner und Besucher gleicher-
maßen einladenden Funktion, komplettiert mit Türen aus Holz, deren Scheiben durch Sprossen geteilt waren, sind bis heute sichtbar. 

Zur Ankurbelung der krisenge­schüttelten Wirtschaft und des lokalen Arbeitsmarktes beschaffte die Nibelungen zur Fertigung der Fenster, der Türen und des Fußbodenparketts ausschließlich Hölzer aus dem Harz. Auffällig waren auch die breit­förmigen Fensteröffnungen mit feingliedrigen, mehrsprossigen Fensterrahmen (teilweise mit Lüftung­klappen). Und natürlich fielen die für das Quartier charakteristischen horizontalen Putzgrade auf, die bis heute erhalten sind. Die neuen Mieterinnen und Mieter merkten sehr schnell: Sie lebten nicht in Mietkasernen wie die Menschen in anderen Städten.

Große Nachfrage
und neue Krisen

Die Wohnungen der Nibelungen waren in Braunschweig beliebt: Als am 1. Juli 1931 durch ein Bau- und zugleich Arbeitsbeschaffungs­­programm die 100 Kleinwohnungen des letzten Bauabschnittes mit Wohnflächen von 40 bis 60 Qua­dratmetern fertiggestellt worden waren, meldeten sich 600 Bewer­ber. Doch die Krisenjahre der Republik mit der Weltwirtschaftskrise 1929, dem Verlust der Arbeit und den poli­­tischen Kämpfen auf der Straße machten auch vor der Nibelungen nicht halt. Viele Mieterinnen und Mieter im Siegfriedviertel verloren ihre Arbeit, vor allem einige kinder-<br>­reiche Familien der Wohnungen an der Hans-Jürgen-Straße gerieten in Not und konnten ihre Mieten für die großen Fünf-­Zimmer-Wohnungen nicht mehr bezahlen.

Kap 2 Bebelhof 30er 2000

Die Entstehung 
des Bebelhofs

Ein Luftbild vom Bebelhof in den 1930er-Jahren

Im Süden Braunschweigs entstand ab 1929 wegen des auch dort gestiegenen Wohnungsbedarfs ein weiteres neues Viertel ganz im Bauhausstil. Der von der Dewog, Deutsche Wohnungsfürsorge AG für Beamte, Angestellte und Arbeiter in Berlin, errichtete Bebelhof diente unter anderem den Arbeiterinnen und Arbeitern der Reichsbahn-Werkstätten und der Firma Jüdel als neues Wohnquartier. In den frühen 1950er-Jahren wechselte seine Bewirtschaftung zur Nibelungen. 
Die Nibelungen, die in der Repu­blik von Weimar den sozialen Wohnungsbau in Braunschweig reformierte, hat mit dem Wohnbauprojekt bewiesen, dass sie bauen kann. Was viel mehr zählt: Bei den Braunschweiger­innen und Braunschweigern entwickelte sich eine tiefe ­Verbundenheit mit dem Siegfriedviertel, die bis heute anhält. Hier leben statt nur hier wohnen …

Quartiersgeschichten: Nachbarschaftszentrum Siegfriedviertel