Während die Weltwirtschaftskrise 1929 Banken erzittern lässt, treiben innovative Köpfe die Moderne voran: Das Bauhaus prägt Architektur, Design und Kultur. Reduktion auf das Wesentliche. Klarheit statt Ballast. In Ästhetik, Funktion und Geist. Auch in Braunschweig wird dieser Geist sichtbar. Hier wachsen Viertel, die Licht, Funktion und soziale Idee verbinden – Quartiere, die zeigen, dass man auch in unsicheren Zeiten Zukunft bauen kann.
Der Aufbau eines Stadtviertels auf der grünen Wiese
Ein Luftbild vom Siegfriedviertel in den 1920er-Jahren
Bereits seit 1918 entstanden bei der Stadt Braunschweig die ersten Bebauungspläne für ein neues Stadtquartier auf dem „Ärkeroder Feld“. Allen am Aufbau Beteiligten war klar: Das hiesige Bauen würde eine neue Dimension erreichen. Niemals zuvor hatte es in Braunschweig ein derartiges Großprojekt des sozialen Wohnungsbaus gegeben.
Ein neues Viertel entsteht
Ab dem 24. Juli 1926 stampfte die Nibelungen-Wohnbau-GmbH im Norden Braunschweigs ein ganzes Viertel aus dem Boden. Die Braunschweiger Stadtplaner und Architekten des Nibelungenviertels projektierten es entlang der Siegfriedstraße.
Bis 1931 hatte die Nibelungen hierfür 5,8 Millionen Reichsmark für die 90 entstandenen Wohnhäuser des Siegfriedviertels ausgegeben, um die vorwiegend Sechs- und zum Teil Acht-Familienhäuser hochzuziehen. Für die Architekten der Zeit waren dies die idealen Höhen der Häuser und Bauformen. Sehr weitläufig standen die Baukörper auseinander, die Hofräume waren dementsprechend groß. Erklärte Ziele der Stadtväter waren nicht nur die Linderung der Wohnungsnot, sondern auch das Ankurbeln der Bauwirtschaft und damit die Verringerung der Erwerbslosigkeit in Braunschweig. Die bisherige grüne Wiese wurde zu modernem Wohnraum und Heimat für die Braunschweigerinnen und Braunschweiger, die in Zeiten hoher Arbeitslosenzahlen sozial schlecht dastanden – darunter befanden sich auch viele kinderreiche Familien. Die zuerst angepeilten Mietpreise für die Wohnungen hatte die Nibelungen in ihrer ersten Gesellschafterversammlung 1926 im Sinne einer besseren Sozialverträglichkeit noch einmal verringert.
Das Leben im
Siegfriedviertel
Arbeiter und Staatsdiener wohnten im Viertel Tür an Tür: Staatsbeamte u. a. der Land- und Amtsgerichte, der Distriktstaatsanwaltschaft, der Staatsbank, des Landestheaters, Polizeibeamte der Präsidien, Lehrer und Justizvollzugsbeamte, Universitätsmitarbeiter und Landjäger konnten sich schon bei der ersten Bauphase ab 1926 bei ihrem Arbeitgeber, dem Freistaat Braunschweig, für die modern ausgestatteten Wohnungen im Viertel bewerben.
In fünf Bauabschnitten errichtete die Nibelungen von Ende Juli 1926 bis Mai 1931 insgesamt 90 Wohnhäuser mit 695 Wohnungen, 16 Läden und eine Gaststätte.
Mehr Wohnraum in der Stadt, mehr Arbeit, mehr Lebensqualität: Die Nibelungen setzte Mitte der 1920er die Visionen des bauhausartigen Städtebaus der Weimarer Republik
im Nibelungenviertel um und schuf in Braunschweig mit diesem Modellprojekt eine neue und bisher nicht dagewesene Wohn- und Lebenskultur. Das Hufeisen und der Kreis (später der Walkürenring und die sich anschließende Brunhilden- und Dietrichstraße) galten bei der Straßenstruktur als Idealfiguren bei der 1926 begonnenen Trabantenstadt im Grünen. Mit der Gründung der Nibelungen schloss das Unternehmen zum Bau des ersten Bauabschnittes an der Siegfriedstraße einen Vertrag mit der Wohn- und Zweckbau GmbH. Hierbei handelte es sich um ein neues, großes Bauunternehmen, in dem sich viele kleinere Handwerksbetriebe aus Braunschweig zusammengetan hatten und sich in Erwartung großer Wohnbauprojekte bereits in Position gebracht hatten. In den späteren Bauabschnitten stießen mit der Firma Vaube und dem Braunschweiger Bauverein zwei weitere verlässliche Unternehmen zum Bau des Nibelungenviertels dazu.
1927 hatte die Nibelungen die ersten 150 Wohnungen vorwiegend mit einer Größe von 70 Quadratmetern fertiggestellt. Ihre Mieterinnen und Mieter zogen ein und profitierten erstmalig von den Annehmlichkeiten des neuen Wohnens: ein eigenes Bad mit einer eigenen Toilette, Heizmöglichkeiten in jedem Zimmer und bunte Kücheneinrichtungen im Bauhausdesign.
Dieses spiegelte die individuellen Wünsche dieser Zeit wider. Ein eigener Balkon oder eine eigene Loggia erhöhten noch einmal die Wohnqualität der Mieterinnen und Mieter, genauso wie die weitläufigen Grünflächen direkt vor der Haustür. Typisch für das Viertel war die Detailversessenheit der Architektur. Die geklinkerten
Türeingänge mit ihrer für die
Bewohner und Besucher gleicher-
maßen einladenden Funktion, komplettiert mit Türen aus Holz, deren Scheiben durch Sprossen geteilt waren, sind bis heute sichtbar.
Zur Ankurbelung der krisengeschüttelten Wirtschaft und des lokalen Arbeitsmarktes beschaffte die Nibelungen zur Fertigung der Fenster, der Türen und des Fußbodenparketts ausschließlich Hölzer aus dem Harz. Auffällig waren auch die breitförmigen Fensteröffnungen mit feingliedrigen, mehrsprossigen Fensterrahmen (teilweise mit Lüftungklappen). Und natürlich fielen die für das Quartier charakteristischen horizontalen Putzgrade auf, die bis heute erhalten sind. Die neuen Mieterinnen und Mieter merkten sehr schnell: Sie lebten nicht in Mietkasernen wie die Menschen in anderen Städten.
Große Nachfrage
und neue Krisen
Die Wohnungen der Nibelungen waren in Braunschweig beliebt: Als am 1. Juli 1931 durch ein Bau- und zugleich Arbeitsbeschaffungsprogramm die 100 Kleinwohnungen des letzten Bauabschnittes mit Wohnflächen von 40 bis 60 Quadratmetern fertiggestellt worden waren, meldeten sich 600 Bewerber. Doch die Krisenjahre der Republik mit der Weltwirtschaftskrise 1929, dem Verlust der Arbeit und den politischen Kämpfen auf der Straße machten auch vor der Nibelungen nicht halt. Viele Mieterinnen und Mieter im Siegfriedviertel verloren ihre Arbeit, vor allem einige kinder-<br>reiche Familien der Wohnungen an der Hans-Jürgen-Straße gerieten in Not und konnten ihre Mieten für die großen Fünf-Zimmer-Wohnungen nicht mehr bezahlen.
Die Entstehung
des Bebelhofs
Ein Luftbild vom Bebelhof in den 1930er-Jahren
Im Süden Braunschweigs entstand ab 1929 wegen des auch dort gestiegenen Wohnungsbedarfs ein weiteres neues Viertel ganz im Bauhausstil. Der von der Dewog, Deutsche Wohnungsfürsorge AG für Beamte, Angestellte und Arbeiter in Berlin, errichtete Bebelhof diente unter anderem den Arbeiterinnen und Arbeitern der Reichsbahn-Werkstätten und der Firma Jüdel als neues Wohnquartier. In den frühen 1950er-Jahren wechselte seine Bewirtschaftung zur Nibelungen.
Die Nibelungen, die in der Republik von Weimar den sozialen Wohnungsbau in Braunschweig reformierte, hat mit dem Wohnbauprojekt bewiesen, dass sie bauen kann. Was viel mehr zählt: Bei den Braunschweigerinnen und Braunschweigern entwickelte sich eine tiefe Verbundenheit mit dem Siegfriedviertel, die bis heute anhält. Hier leben statt nur hier wohnen …