Die Straßen sind noch holprig. Doch über das Kopfsteinpflaster bringt der Bulli das Wirtschaftswunder ins Land. In den Wohnzimmern wird die Mattscheibe zum Fenster in eine Welt, die noch gestern unerreichbar schien – aber heute nur ein paar Autostunden hinter dem Brenner beginnt. Auch Braunschweig erneuert sich: Aus der Leere der Nachkriegszeit entstehen Straßen, Schulen und ganze Wohngebiete. Es ist eine besondere Zeit. Eine Zeit, in der aus Mangel Möglichkeiten werden.
Ein Ausweg aus der Wohnungsnot:
Wirtschaftswunder und Hochhäuser
Der Bau des Hochhauses in der Okerstraße auf den Fundamenten des Bunkers
Auferstanden aus Ruinen – drei Wörter, die auch auf die Stadt Braunschweig zutreffen. Die Löwenstadt zählte 1950 etwa 58.000 Geflüchtete, Vertriebene und aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) geflohene Deutsche. Diese teilten ein Schicksal: Männer, Frauen und Kinder hatten ihre Heimat jenseits von Oder und Neiße verloren und lebten zum Teil bis in die 1960er-Jahre in Notunterkünften. Die meisten Heimatvertriebenen waren wegen der Kriegs-, Flucht- und Vertreibungserlebnisse traumatisiert. Als Bleibe standen für die vorwiegend aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern stammenden Menschen nach den Zwangseinquartierungen lediglich Bunker, Kasernen, Baracken, Behelfsbauten, Keller und Mansardenzimmer zur Verfügung.
Kaum Familienleben, keine Privatsphäre: Die Heimatvertriebenen aus dem Osten, die mit Flüchtlingstrecks, sei es im Güterwaggon, Pferdewagen oder zu Fuß, an der Oker angekommen waren, trennten in den Massenunterkünften häufig nur provisorisch aufgestellte Stellwände. Pullover, Hosen und Strümpfe trockneten auf zwischen Doppelstockbetten gespannten Wäscheleinen. Und: Die Konflikte bis hin zu Feindseligkeiten zwischen den Zugewanderten und den beheimateten Braunschweigerinnen und Braunschweigern wurden wegen der ungeklärten Wohnverhältnisse täglich größer. Unterschiedliche Konfessionen, Normen, Leitbilder, Verhaltensweisen, mentale Eigenarten, politische Traditionen und alte Bräuche wirkten sich beim Zusammenleben belastend aus.
Viele Wohnungen in kürzester Zeit bauen: In der jungen Bundesrepublik schien dies die einzige Möglichkeit, der Wohnungs- und der Flüchtlingskrise auch in Braunschweig Herr zu werden.
Nicht selten teilten sich in der Stadt nach den Zwangseinquartierungen durch die britische Militärregierung ab 1945 drei Familien eine Wohnung.
Doch trotz schwerer Krise war viel Raum für Neues. Riesige innerstädtische Brachflächen und Kriegslücken standen zu Beginn der 1950er-Jahre, nachdem die Trümmerräumung abgeschlossen war, für den Wiederaufbau Braunschweigs zur Verfügung. Für die Stadtväter schien durch die staatlich geregelte Wohnungsbewirtschaftung im sozialen Wohnungsbau und durch die Förderungsmaßnahmen der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland der richtige Zeitpunkt gekommen. Private Immobilienbesitzer hatten den Wiederaufbau ihrer Häuser bereits in die Wege geleitet. Endlich sollte die Beseitigung der Wohnungsnot breitflächig angegangen werden. Doch: Jetzt brauchte es einen Akteur, der den Aufgaben der Zeit gewachsen war. Für den Wiederaufbau Braunschweigs, da herrschte unter den Entscheidern und Handlungsträgern in der Kommune Übereinstimmung, kam vor allem die Nibelungen-Wohnbau-GmbH infrage. Denn auch beim städtischen Wohnbauunternehmen hatte das deutsche Wirtschaftswunder nach den Krisenjahren der Nachkriegsära mittlerweile für einen kräftigen Aufschwung gesorgt.
Das Wirtschaftswunder und
25 Jahre Nibelungen
Zwei Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland verfügte die Nibelungen über ein stattliches Kapital von 18 Millionen Deutsche Mark. Am 22. Juli 1951 feierte das Wohnbauunternehmen sein 25-jähriges Bestehen, und die Geschäftsführung konnte mit großem Selbstbewusstsein auf ihre bisherige Bautätigkeit zurückblicken. Trotz Weltwirtschaftskrise, Krieg und des großen Ausmaßes der Zerstörungen hatte die Nibelungen in nur einem Vierteljahrhundert 4.251 Wohnungen, 440 Eigenheime, 461 Kleinsiedlungen, 26 Läden und 90 Garagen errichtet – so viele wie kein anderes Wohnbauunternehmen und keine Baugenossenschaft in Braunschweig.
1950 begann auch für die Nibelungen ein neues Zeitalter des Bauens. Ihr damaliger Geschäftsführer Hermann Graul, der für die Nibelungen tätige Architekt Ernst Winterstein und Mitarbeiter der Bauforschungsstelle der Stadt Braunschweig hatten eine Reise nach Dänemark und Schweden unternommen und sich dort nach neuen Techniken des modernen Bauens und dazu passenden Finanzierungsmodellen erkundigt. Denn auf dem Gebiet des sozialen Wohnungsbaus hatten die Nordeuropäer in den frühen 1950ern die Nase vorn. Ernst Winterstein war ein Vertreter der „Braunschweiger Schule“, die an der Technischen Universität Braunschweig gelehrt wurde. Diese zeichnete sich durch eine Kombination von Funktion, Konstruktion und Form aus. Nach ihrem Vorbild entstanden im Stadtbild viele Bauten aus Beton, die stilbildend für eine ganze Epoche waren.
Braunschweigs neues
Wahrzeichen:
Das Hochhaus auf dem Bunker
1951 begann die Nibelungen mit der Errichtung eines Hochhauses auf den Fundamenten des Bunkers an der Okerstraße. Ein Paukenschlag: In ganz Europa berichteten die Zeitungen nach der Fertigstellung im November 1952 über „Braunschweigs neues Wahrzeichen“. Nie zuvor hatte jemand ein technisch so modernes Bauverfahren angewandt und dabei einen Weltkriegsbunker als stabilen Unterbau verwendet. Lediglich 1,2 Millionen Deutsche Mark Investitionsvolumen benötigte die Nibelungen für das neunstöckige Gebäude – und schuf damit imposante 4.547 Quadratmeter Wohnfläche. Diese Mittel stammten vom Bundeswohnungsbauministerium, von der Braunschweigischen Staatsbank, aber auch die Braunschweiger Firmen Büssing, Brunsviga und Franke & Heidecke hatten das Pilotprojekt mitfinanziert. Auch sogenannte „Mieterdarlehen“ flossen in die Finanzierung des Mammutprojektes ein – ein Novum. So sicherten sich die privaten Investoren eine der 30 bis 49 Quadratmeter großen und äußerst begehrten Mietwohnungen im „Haus der technischen Superlative“, wie die Lokalzeitung Braunschweiger Presse das Nibelungen-Hochhaus unmittelbar nach dem Richtfest am 30. Juli 1952 betitelte.
Revolutionäre Bautechnik:
Das Haus der Rekorde
Gemeinnützige deutsche Wohnungsbaugesellschaften, darunter die „Neue Heimat“ in Hamburg, zeigten großes Interesse an Braunschweigs neuem Vorzeigebauprojekt, das nach der feierlichen Schlüsselübergabe als Blaupause für zukünftige Großprojekte im Bereich des sozialen Wohnungsbaus in Deutschland galt. Es war ein Haus der Rekorde und der bautechnischen Innovationen: Noch nie in der jungen Adenauer-Ära war ein Wohngebäude mit solch einem Bauvolumen in derart kurzer Zeit errichtet worden. Und niemals zuvor hatte man in Deutschland mit einer derart revolutionären Technik gebaut. Nur sechs Monate benötigte der Braunschweiger Bauunternehmer Carl Weiss für die schlüsselfertige Errichtung des Hochhauses. Dessen Bau hatte mit der Errichtung zweier Betontürme jeweils im Osten und im Westen des Bunkers begonnen – diese wurden in nur fünfeinhalb Tagen errichtet. Durch hydraulische Ölheber („Kletteraffen“) von der Firma AB Byggförbättring aus Stockholm, einem schwedischen Gleitschnellverfahren für die Verschalung („Concretor-Methode“) und der erstmaligen Verwendung von Ytong für die Außenwände konnte die Bauzeit im Vergleich zu anderen Bauprojekten dieser Dimension halbiert werden.
Über den Dächern von Braunschweig:
Prof. Georg Eckerts „Internationales Schulbuchinstitut“
Die Braunschweiger Lokalpresse war voll des Lobes, als sie den Neubau an der Okerstraße als „Hochhaus der vollkommenen Wohnungen“ titulierte. Denn jede der 104 Wohnungen besaß eine Zentralheizung, eine „Brausebadanlage“ mit Elektrotherme, einen Elektrokochherd und einen Balkon beziehungsweise eine Loggia.
Dies geschah zu einer Zeit, als die meisten Wohnungen der Innenstadt eine Toilette und ein Waschbecken auf halber Treppe hatten. Im Monolith baute die Nibelungen die ersten beiden Fahrstühle Braunschweigs sowie zwei Müllschlucker ein. Als die ersten Mieterinnen und Mieter rund vier Wochen vor Weihnachten 1952 einzogen, lebten im Innern des Bunkers in mehreren Etagen immer noch etwa 300 Geflüchtete und Vertriebene.
Professor Dr. Georg Eckert, Geschichtsprofessor der Pädagogischen Hochschule und bis heute der vermutlich berühmteste Mieter der Nibelungen, bezog mit seinem „Internationalen Schulbuchinstitut“ und dem „Institut für Sozialgeschichte“ (heute in Bonn) die 137 Quadratmeter große Atelierwohnung im neunten Stock. Von dort genoss der PH-Professor einen beeindruckenden Panoramablick über Braunschweigs Innenstadt und die Wälle. Er hielt dort sogar Sprechstunden für Studentinnen und Studenten ab.
Seit 1957 besitzt der Bebelhof
ein viertes Stockwerk
mit einem Satteldach
1955: Die Nibelungen erwirbt den
August-Bebel-Hof
Am 1. Juni 1955 erwarb die Nibelungen den August-Bebel-Hof. Geplant hatte Braunschweigs damals größten zusammenhängenden Wohnkomplex, der in der reinen Bauhausarchitektur errichtet wurde, der Hamburger Stadtplaner Friedrich R. Ostermeyer. Einen Namen hatte sich Ostermeyer in den Jahren der Weimarer Republik durch die Errichtung von Hamburger Großsiedlungen mit lichten Wohnungsbauten im Sinne der Reformarchitektur gemacht.
Modellprojekt zwischen
Aufbruch und Krise
Im Juli 1929 hatte der Bauträger und Verwalter, die gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Braunschweig GmbH (eine Tochtergesellschaft „Dewog“, Deutsche Wohnungsfürsorge AG für Beamte, Angestellte und Arbeiter in Berlin), den ersten Spatenstich vollzogen. Der Bebelhof war neben dem Siegfriedviertel das zweite architektonische Modellprojekt der Weimarer Republik in Braunschweig. Nach nur elf Monaten zogen die ersten Braunschweiger Familien in das sich selbst versorgende Viertel ein. Mit einer Zentralwäscherei, Zentralheizung, sozialen Einrichtungen und der Warmwasserversorgung entsprach der Bebelhof den Idealvorstellungen des Wohnungsbaus für die Arbeiterschaft und sollte deren Lebensbedingungen und Wohnverhältnisse verbessern.
Aber dieser Braunschweiger Modellversuch der 1920er-Jahre war durch die Weltwirtschaftskrise und die darauffolgenden Krisenjahre in erhebliche wirtschaftliche Schieflage geraten. Ein Großteil der 450 gebauten Wohnungen stand bereits kurz nach dem Bezug wieder leer. Viele der von den Krisenjahren der Republik betroffenen Bewohnerinnen und Bewohner hatten im Musterviertel die Mieten nicht mehr aufbringen können. 1934 ersteigerte das Land Braunschweig den August-Bebel-Hof. Die bisherige Namensgebung war den nationalsozialistischen Eliten in Braunschweig schon lange ein Dorn im Auge; eine der ersten Handlungen der neuen Eigentümer und Feinde der Sozialdemokratie war die Umbenennung des Quartiers in Limbecker Hof.
Als die Nibelungen den früheren Bebelhof 1955 für etwa 1,8 Millionen Deutsche Mark vom Land Niedersachsen als Rechtsnachfolger des Landes Braunschweig übernahm, war das einstige Vorzeigeviertel nur 25 Jahre nach der Fertigstellung dem Abriss näher als dem Wiederaufbau. Rund 250 Wohnungen – folglich mehr als die Hälfte – waren durch Kriegseinwirkungen zerstört worden. Durch die Flachdächer tropfte das Wasser in Wohnungen und Treppenhäuser. Hier rächte sich, dass die Dewog statt der im Ur-Entwurf geplanten Massivdecken in letzter Minute aus Ersparnisgründen Holzdächer errichtet hatte.
Der Wiederaufbau
und die Vernunftlösung
Die Priorität beim Wiederaufbau des Bebelhofs lag in der Zweckmäßigkeit: Entgegen den Widerständen von Interessensgruppen, die eine Wiederherstellung der dreistöckigen, kubischen Bauweise gefordert hatten, entschied der Rat der Stadt Braunschweig, dass die Nibelungen im gesamten Bebelhof ein viertes Stockwerk und darüber ein Satteldach errichten sollte. Dies war eine Vernunftlösung – mehr Wohnraum und ein dichteres Dach. 1957 waren die Arbeiten am Bebelhof bereits abgeschlossen, durch die Aufstockungen zählte der Wohnkomplex jetzt 635 Wohnungen. Gedacht waren diese Wohnungen vorrangig für diejenigen Familien, die durch den Bau des neuen Braunschweiger Hauptbahnhofs nördlich der Eisenbahnbrücken ihr Zuhause verlassen mussten.