Mit bestem Beispiel voran:
von Ölkrise bis Wohnqualität für Jung, Alt und Menschen mit Beeinträchtigung
Die Großprojekte Weststadt und Heidberg waren weitestgehend abgeschlossen. Das Leben pulsierte in den beiden neuen Vierteln mit der modernsten Architektur und Infrastruktur, die Europa zu bieten hatte. Ein neues Zeitalter brach an – mit neuen Aufgaben auch für die Nibelungen-Wohnbau-GmbH. Die Ölkrise 1973 war ein Paukenschlag und sollte auch die hiesige Wohnungswirtschaft vor Herausforderungen stellen. Um die Kraftstoffvorräte zu schonen, wurden im Winter 1973 in Deutschland vier autofreie Sonntage eingeführt und es herrschte ein Fahrverbot für alle. Die Tagesschau zeigte als Kontrast Fahrradfahrerinnen und -fahrer, die auf Stadtautobahnen unterwegs waren. Die globale Krise führte auch bei der Nibelungen dazu, dass auf der Prioritätenliste Energiesparmaßnahmen im Bestand ganz nach oben rückten. Sprich: Es folgten Modernisierungs- und Sanierungsmaßnahmen in einem nie dagewesenen Umfang.
Jeder zehnte Braunschweiger oder jede zehnte Braunschweigerin wohnte 1976 in einer Wohnung der Nibelungen
Viele in den frühen 70ern geborene Enkel erinnern sich: Auch Großeltern schleppten mit großer Mühe Heizbriketts, die zentnerweise im Kohlenkeller lagerten, in Schüttern aus Eisen die Treppenstufen hoch; schließlich wollte man im Winter eine warme Wohnung haben. Vor allem in Altbauwohnungen in der Innenstadt und außerhalb des Braunschweiger Rings heizten die Bewohnerinnen und Bewohner noch mit Öfen. Genauso wie die Abgase aus dem Auspuff eines Mercedes-Diesel Modell „Strich-Acht“ gehörte in den Wintermonaten auch der typische Geruch aus den Schornsteinen zu jedem Tag. In insgesamt 456 Wohnungen an der Broitzemer Straße 150 bis 155 und an der Celler Straße ersetzte die Nibelungen 1976 die Ofenheizung durch moderne Zentralheizungen. Es erfolgte der Anschluss an das erst kurz zuvor in Betrieb genommene Fernwärmenetz der Weststadt. In der Bundesrepublik Deutschland musste von jetzt auf gleich Energie gespart werden. Die Nibelungen erneuerte in den Folgejahren in vielen Häusern ihres Bestandes die einfach verglasten Fenster durch Isolierverglasungen und montierte zur Wärmedämmung zusätzliche Dichtungen. In Zeiten von Schlaghosen aus Cord und mit Samt bezogenen Telefonen mit Wählscheiben erhielten viele Nibelungen-Wohnungen zur Steigerung des Wohnkomforts neue Badezimmer – natürlich mit den zeittypischen Fliesen in schrillen Gelb-, Grün- und Orangetönen sowie passenden Sanitäranlagen und Badewannen.
Am 22. Juli 1976 blickte die Nibelungen bei einer Feier mit den Stadtvätern auf ihre 50-jährige, erfolgreiche Unternehmensgeschichte zurück. Seit der Gründung vor einem halben Jahrhundert hatte die Nibelungen 8.500 Wohnungen gebaut und gab mittlerweile rund 25.000 Braunschweigerinnen und Braunschweigern ein Zuhause. Ein mehr als positives Ergebnis: Jeder zehnte Braunschweiger oder jede zehnte Braunschweigerin wohnte also in einer Wohnung der Nibelungen. Insgesamt bewirtschaftete die Tochterfirma der Stadt jetzt 7.823 Mietwohnungen, 212 Schwesternwohnheimplätze, 68 gewerbliche Objekte, 358 Garagen und Einstellplätze und drei eigengenutzte Einheiten.
Unterschiedliche Epochen, unterschiedliche Ansprüche an das Wohnen: Dem Zeitgeist stellte sich auch Braunschweigs größter Vermieter, der sich immer wieder den bauwirtschaftlichen Verhältnissen und unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen anpasste. Ab Ende der 1970er schlug die Nibelungen völlig neue Kapitel auf und fokussierte sich auf neue Wohnkonzepte für kinderreiche Familien, die ältere Generation und Menschen mit Behinderungen – und wurde dafür vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Jung, Alt und Menschen mit Beeinträchtigung lebten bei der Nibelungen jetzt immer häufiger miteinander verbunden Tür an Tür …
Alle(s) unter einem Dach:
die prämierte Wohnanlage
in der Frankfurter Straße
Der Winter 1978/79 war der vermutlich strengste in Deutschland im 20. Jahrhundert. Als der meterhohe Schnee abgetaut war, begann die Nibelungen zusammen mit der Stadt Braunschweig und der Architektengruppe Westermann mit dem Bau einer kombinierten Wohnanlage an der Frankfurter Straße 15–19. Zum ersten Mal in Braunschweig entstanden Altenwohnungen, behindertengerechte Wohnungen und Wohnraum für kinderreiche Familien (zwischen 46 und 95 Quadratmeter) in einem breit angelegten Gebäudekomplex. Mit einer Alten- und einer Kindertagesstätte verfügte der auffallend rote Backsteinbau zudem über Einrichtungen, die das soziale und kulturelle Leben im Viertel messbar förderten.
Dafür hatten die Bauherren einstöckige, betrieblich genutzte Behelfsbauten, die bereits seit Kriegsende an dieser Stelle existierten, entlang der Ostseite der die Luisenstraße mit dem Frankfurter Platz verbindenden Straße abgerissen. Das Neubauprojekt mit insgesamt 43 Wohnungen lief unter dem Begriff „Stadtsanierungsmaßnahme Frankfurter Straße“.
Die 20 Seniorenwohnungen und die von der Straße begehbare Altentagesstätte unterstrichen, dass das später prämierte Wohnprojekt zu einem großen Teil auf die ältere Generation zugeschnitten war. Doch die Altentagesstätte sorgte darüber hinaus für eine Belebung des Stadtviertels, denn an den vielen Angeboten der Senioreneinrichtungen wie Altenkreis, gemeinsamem Kaffeetrinken und Seniorenberatungsstunden konnten auch die anderen Bewohner des Quartiers teilnehmen. Jung und Alt leben bis heute auf engstem Raum harmonisch zusammen, wie der im Erdgeschoss platzierte, vier Gruppen umfassende Kindergarten mit einem sehr weitläufigen Spielplatz beweist. Ein weiterer großer Spielplatz am Rande der Wohnanlage mit Wasserspielen war für alle Kinder des Viertels frei zugänglich und sorgte ebenfalls für eine höhere Lebensqualität der Familien in diesem Teil des Westlichen Ringgebietes.
1982 zeichnete die Stadt Braunschweig die Nibelungen für das herausragende Konzept und den Baustil des markanten, langgesteckten Steinbaus mit dem Peter-Joseph- Krahe-Preis aus, einem kommunalen Architekturpreis, der herausragende Leistungen in Architektur, Ingenieurbau und Garten- oder Landschaftsgestaltung würdigt.
Im selben Jahr gewann die Nibelungen auch den vom Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau vergebenen zweiten Preis für die Entwicklung der „normgerechten Behindertenwohnungen“. Die vier inklusiven Wohnungen lagen im 1. Obergeschoss und waren von der Parkpalette aus über den Fahrstuhl durch breite Türen, die elektrisch zu öffnen waren, bequem und barrierefrei mit dem Rollstuhl zu erreichen. Es handelte sich um ein Musterbeispiel des Zusammenlebens mehrerer Generationen, aber auch der Inklusion der späten 1970er-Jahre – heute Normalität, zu der Zeit jedoch leider keineswegs alltäglich. Die ältere Generation und Menschen mit Beeinträchtigungen fanden im Laufe der Jahre eine immer größere Lobby. 1982 begann die Nibelungen mit der Errichtung eines Seniorenpflegeheimes für die Stiftung „St. Thomaehof“ in der Ottenroder Straße. 1983 wurden am Wiedweg und in der Niddastraße die Ränder der Weststadt mit vierstöckigen Mietwohnhäusern bebaut – auch hier nahmen die „behindertenfreundlichen“ Wohnungen einen prozentual hohen Anteil ein.
Wieder einmal Vorreiter:
das Pilotprojekt „Familienwohnungen
und Familienheim“ in Lehndorf
Die typischen und beliebten Reihenhäuser in Lehndorf
In den 1980er-Jahren nahm das Familienleben in Deutschland einen immer größeren Stellenwert ein. In Zeiten, als es Mode war, dass man mit einem an der Wand befestigten Gong die Familienmitglieder an den Mittagstisch rief, wurde das Bedürfnis nach Wohnungen mit mehr Platz für die Eltern und die Kinder lauter. Im November 1985 weihte die Nibelungen im Beisein des damaligen Bundessozialministers Hermann Schnipkoweit in Lehndorf das erste Reiheneigenheim des Pilotprojektes „Familienwohnungen und Familienheim“ ein. Fast zeitgleich errichtete das Wohnungsunternehmen im Rahmen des geförderten Familienprojektes weitere 16 Mehrgenerationenhäuser in Reihenform in der nahen Wohnanlage „Am Ölper Holz“. Immer wieder bot die Nibelungen für Familien innovative Individuallösungen an. So waren diese Häuser mit Dachböden konzipiert, die im Nachhinein noch ausgebaut werden konnten. Im Geschäftsjahr 1985 gab die Nibelungen 8,7 Millionen Deutsche Mark für Modernisierungsmaßnahmen im Bestand aus – so viel wie niemals zuvor. Kurz zuvor hatte die städtische Tochtergesellschaft bei über 400 Wohnungen in der Saarstraße die Fenster erneuert und die Öfen durch Zentralheizung ersetzt. 30 Jahre nach der Übernahme des Bebelhofs fanden auch in der früheren Bauhaussiedlung Modernisierungsmaßnahmen in den Wohnungen statt.