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Epochen

Die 1970er- und 1980er-Jahre bringen gesellschaftliche Veränderungen: Die Ölkrisen mahnen zum Energiesparen, die Umweltbewegung formiert sich – während die Fronten im Kalten Krieg scheinbar unüberbrückbar sind. Die Nibelungen-Wohnbau-GmbH reagiert mit familienfreundlichen und generationenübergreifenden Wohnkonzepten, die auf Gemeinschaft, Lebensqualität, Umweltfreundlichkeit und altersgerechtes Wohnen setzen – ein wichtiger Schritt zur sozialen Verantwortung.

Mit bestem Beispiel voran:
von Ölkrise bis Wohnqualität für Jung, Alt und Menschen mit Beeinträchtigung

Die Großprojekte Weststadt und Heidberg waren weitestgehend ab­geschlossen. Das Leben pulsierte in den beiden neuen Vierteln mit der modernsten Architektur und Infrastruktur, die Europa zu bieten hatte. Ein neues Zeitalter brach an – mit neuen Aufgaben auch für die Nibelungen-Wohnbau-GmbH. Die Ölkrise 1973 war ein Paukenschlag und sollte auch die hiesige Woh­­nungswirt­schaft vor Herausforde­rungen stellen. ­Um die Kraftstoffvorräte zu schonen, wurden im Winter 1973 in Deutschland vier autofreie Sonntage eingeführt und es herrschte ein Fahrverbot für alle. Die Tagesschau zeigte als Kontrast Fahrradfahrerinnen und -fahrer, die auf Stadt­autobahnen unterwegs waren. Die globale Krise führte auch bei der Nibelungen dazu, dass auf der Prio­ritätenliste Energiesparmaßnahmen im Bestand ganz nach oben rückten. Sprich: Es folgten Modernisierungs- und Sanierungsmaßnahmen in einem nie dagewesenen Umfang.

Jeder zehnte Braunschweiger oder jede zehnte Braunschweigerin wohnte 1976 in einer Wohnung der Nibelungen

Viele in den frühen 70ern gebo­rene Enkel erinnern sich: Auch Großeltern schleppten mit großer Mühe Heizbriketts, die zentnerweise im Kohlenkeller lagerten, in Schüttern aus Eisen die Treppenstufen hoch; schließlich wollte man im Winter eine warme Wohnung haben. Vor allem in Alt­bauwoh­nungen in der Innenstadt und außerhalb des Braunschweiger Rings heizten die Bewohnerinnen und Bewohner noch mit Öfen. Genauso wie die Abgase aus dem Auspuff eines Mercedes-Diesel Modell „Strich-Acht“ gehörte in den Wintermona­ten auch der typische Geruch aus den Schornsteinen zu jedem Tag. In insgesamt 456 Wohnungen an der Broitzemer Straße 150 bis 155 und an der Celler Straße ersetzte die Nibelungen 1976 die Ofenheizung durch moderne Zentralheizungen. Es erfolgte der Anschluss an das erst kurz zuvor in Betrieb genommene Fernwärmenetz der Weststadt. In der Bundesrepublik Deutschland musste von jetzt auf gleich Energie gespart werden. Die Nibelungen erneuerte in den Folgejahren in vielen Häusern ihres Bestandes die einfach verglasten Fenster durch Isolierverglasungen und montierte zur Wärmedämmung zusätzliche Dichtungen. In Zeiten von Schlaghosen aus Cord und mit Samt bezogenen Telefonen mit Wählscheiben erhielten viele Nibelungen-Wohnungen zur Steigerung des Wohnkomforts neue Badezimmer – natürlich mit den zeittypischen Fliesen in schrillen Gelb-, Grün- und Orangetönen so­wie passenden Sanitäranlagen und Badewannen.

Am 22. Juli 1976 blickte die ­Nibelungen bei einer Feier mit den Stadtvätern auf ihre 50-jährige, erfolgreiche Unternehmensgeschichte zurück. Seit der Gründung vor einem halben Jahrhundert hatte die Nibelungen 8.500 Wohnungen gebaut und gab mittlerweile rund 25.000 Braunschweigerinnen und Braunschweigern ein Zuhause. Ein mehr als positives Ergebnis: Jeder zehnte Braunschweiger oder jede zehnte Braunschweigerin wohnte also in einer Wohnung der Nibelungen. Insgesamt bewirtschaftete die Tochterfirma der Stadt jetzt 7.823 Mietwohnungen, 212 Schwesternwohnheimplätze, 68 gewerbliche Objekte, 358 Garagen und Einstell­plätze und drei eigengenutzte Einheiten.

Unterschiedliche Epochen, unter­schiedliche Ansprüche an das Wohnen: Dem Zeitgeist stellte sich auch Braunschweigs größter Vermieter, der sich immer wieder den bauwirtschaftlichen Verhältnissen und unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen anpasste. Ab Ende ­der 1970er schlug die Nibelungen völlig neue Kapitel auf und fokussierte sich auf neue Wohnkonzepte für kinderreiche Familien, die ältere Generation und Menschen mit Behinderungen – und wurde dafür vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Jung, Alt und Menschen mit Beeinträchtigung lebten bei der ­Nibelungen jetzt immer häufiger miteinander verbunden Tür an Tür …

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Alle(s) unter einem Dach:
die prämierte Wohnanlage
in der Frankfurter Straße

Der Winter 1978/79 war der vermutlich strengste in Deutschland im ­20. Jahrhundert. Als der meterhohe Schnee abgetaut war, begann die Nibelungen zusammen mit der Stadt Braunschweig und der Architektengruppe Westermann mit dem Bau einer kombinierten Wohnanlage an der Frankfurter­ Straße 15–19. Zum ersten Mal in Braunschweig entstanden Altenwohnungen, behindertengerechte Wohnungen und Wohnraum für kinderreiche Fami­lien (zwischen 46 und 95 Quadratmeter) in einem breit angelegten Gebäudekomplex. Mit einer Alten- und einer Kindertagesstätte verfügte der auffallend rote Backsteinbau zudem über Einrichtungen, die das soziale und kulturelle Leben im Viertel messbar förderten.

Dafür hatten die Bauherren einstöckige, betrieblich genutzte Behelfsbauten, die bereits seit Kriegsende an dieser Stelle existier­ten, entlang der Ostseite der die Luisenstraße mit dem Frankfurter Platz verbindenden Straße abgerissen. Das Neubauprojekt mit ins­gesamt 43 Wohnungen lief unter dem Begriff „Stadtsanierungs­maßnahme Frankfurter Straße“.

Die 20 Seniorenwohnungen und ­die von der Straße begehbare Alten­tagesstätte unterstrichen, dass das später prämierte Wohnprojekt zu einem großen Teil auf die ältere Generation zugeschnitten war. Doch die Altentagesstätte sorgte darüber hinaus für eine Belebung des Stadtviertels, denn an den vielen Angeboten der Senioren­einrichtungen wie Altenkreis, gemeinsamem Kaffeetrinken und Seniorenberatungsstunden konnten auch die anderen Bewohner des Quartiers teilnehmen. Jung und Alt leben bis heute auf engstem Raum harmonisch zusammen, wie der im Erdgeschoss platzierte, vier Gruppen umfassende Kindergarten mit einem sehr weitläufigen Spielplatz beweist. Ein weiterer großer Spiel­platz am Rande der Wohnanlage mit Wasserspielen war für alle Kinder des Viertels frei zugänglich und sorgte ebenfalls für eine höhere Lebensqualität der Familien in diesem Teil des Westlichen Ring­gebietes.

1982 zeichnete die Stadt Braunschweig die Nibelungen für das herausragende Konzept und den Baustil des markanten, langgesteckten Steinbaus mit dem Peter-Joseph- Krahe-Preis aus, einem kommunalen Architekturpreis, der herausragende Leistungen in Architektur, Ingenieurbau und Garten- oder Landschafts­gestaltung würdigt.

Im selben Jahr gewann die Nibe­lungen auch den vom Bundes­mi­ni­s­terium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau ver­gebenen zweiten Preis für die Entwicklung der „normgerechten Behindertenwohnungen“. Die vier inklusiven Wohnungen lagen im ­1. Obergeschoss und waren von der Park­­pa­lette aus über den Fahrstuhl durch breite Türen, die elektrisch zu öffnen waren, bequem und barrierefrei mit dem Rollstuhl zu erreichen. Es handelte sich um ein Musterbeispiel des Zusammenlebens mehrerer Generationen, aber auch der Inklusion der späten 1970er-Jahre – heute Normalität, zu der Zeit jedoch leider keineswegs alltäglich. Die ältere Generation und Menschen mit Beeinträchtigungen fanden im Laufe der Jahre eine immer größere Lobby. 1982 begann die Nibelungen mit der Errichtung eines Senioren­pflegeheimes für die Stiftung „St. Thomaehof“ in der ­Ottenroder Straße. 1983 wur­den am Wiedweg und in der Nidda­straße die Ränder der Weststadt mit vierstöckigen Mietwohnhäusern bebaut – auch hier nahmen die „behindertenfreundlichen“ Wohnungen einen prozentual hohen Anteil ein.

80er Ottenroder
Der „St. Thomaehof“ in der Ottenroder Straße
80er Lehndorf Reihenhaus

Wieder einmal Vorreiter:
das Pilotprojekt „Familienwohnungen
und Familienheim“ in Lehndorf

Die typischen und beliebten Reihenhäuser in Lehndorf

In den 1980er-Jahren nahm das Familienleben in Deutschland einen immer größeren Stellen­wert ein. In Zeiten, als es Mode war, dass man mit einem an der Wand befestigten Gong die Familien­mitglieder an den Mittagstisch rief, wurde das Bedürfnis nach Wohnungen mit mehr Platz für die Eltern und die Kinder lauter. Im November 1985 weihte die Nibe­lungen im Beisein des damaligen Bundessozialminis­ters Hermann Schnipkoweit in Lehndorf das erste Reiheneigenheim des Pilotprojektes „Familienwohnungen und Familienheim“ ein. Fast zeitgleich errichtete das Wohnungsunternehmen im Rahmen des geförderten Familien­projektes weitere 16 Mehrgene­rationenhäuser in Reihenform in der nahen Wohnanlage „Am Ölper Holz“. Immer wieder bot die Nibelungen für Familien innova­tive Individual­lösungen an. So waren diese Häuser mit Dachböden konzipiert, die im Nach­hinein noch ausgebaut werden konnten. Im Geschäftsjahr 1985 ­gab die ­Nibelungen 8,7 Millionen Deutsche Mark für Modernisierungsmaß­nahmen im Bestand aus – so viel wie niemals zuvor. Kurz zuvor hatte die städtische Tochtergesellschaft bei über 400 Wohnungen in der Saar­straße die Fenster erneuert und die Öfen durch Zentralheizung ersetzt. 30 Jahre nach der Übernahme des Bebelhofs fanden auch in der früheren Bauhaussiedlung Moder­nisierungsmaßnahmen in den Wohnungen statt.

Quartiersgeschichten: Künstler Lars Eckert, Lehndorf